Ryan Perkins zeigt, wie die CIA die moderne Linke schuf und warum die Rechte glaubte, es handele sich um eine marxistische Verschwörung. So gelang es der CIA seit dem Kaltem Krieg Linke wie auch Rechte zu düpieren.
Ryan Perkins über den Geist in der Maschine – Teil 1a
Um die heutigen sogenannten „Kulturkriege“ drehen sich hitzige Diskussionen: Sie gleichen chaotischen Schlachten um Identität und Historie mit Anspruch auf die Wahrheit. Heftige Debatten über Critical Race Theory und Gender-Ideologie bis hin zu laufenden Auseinandersetzungen auf Universitätsgeländen sowie in den sozialen Medien spiegeln die grundlegende Spaltung zwischen einer progressiven „Woke-Linken“ und traditionalistischen konservativen Rechten wider. Nach gängiger Ansicht, insbesondere aus dem populistischen rechten Lagers, werden besagte Kulturkriege als Siege des „Kulturmarxismus“ bewertet: Sie werden demnach als eine vorsätzliche, langfristige, subversive Verschwörung angesehen, die darauf abziele, die westliche Zivilisation von innen heraus zu untergraben, um deren Grundwerte und Traditionen aufzulösen.
Diese Darstellung mag zwar überzeugend klingen, verkennt jedoch zutiefst die wahren Urheber dieses ideologischen Konfliktes. Tatsächlich führen die Spuren moderner „Woke-Linker“ nicht in Hallen des Kremls, sondern über Sitzungssäle …
… in Washington sowie Seminarräume amerikanischer Stiftungen zu den verdeckten Operationen der CIA!
Die bittere Polarisierung unserer Tage ist nicht Höhepunkt einer marxistischen Verschwörung, orchestriert von einer vermeintlichen krypto-kommunistischen Clique, sondern die Folge eines anderen, doch vielfach vergessenen Krieges: Letzterer entstand aus Amerikas verdeckter Kampagne gegen den Kommunismus während des Kalten Krieges, um den Kapitalismus zu retten: Das führt uns direkt zu der Geschichte, wie die CIA die moderne Linke kreierte!
Nachdem sozialistische und kommunistische Parteien im Zuge der Verheerungen des Zweiten Weltkriegs im gesamten Westen an Popularität zugenommen hatten, nahm der US-Geheimdienst eine Operation in Angriff, die ein jahrzehntelanges Programm zur Neugestaltung der intellektuellen Landschaft der westlichen Linken nach sich ziehen sollte: Die CIA finanzierte ihre eigene verdeckte Revolution, um gegen die materialistische Anziehungskraft einer Politik der Klassen anzugehen: Die Mission bestand darin, alternativ eine antikommunistische Linke zu schaffen. Sie sollte in ihrer Ästhetik und ihrem intellektuellen Eifer radikal ausfallen, doch im Grunde individualistisch ausgerichtet bleiben bzw. Klassenbewusstsein und revolutionäre Politik ablehnen zugunsten von Kulturkritik und subjektiver Transformation.
Dies führt uns zur Geschichte, …
- … wie die CIA über Frontorganisationen, wie den „Congress for Cultural Freedom“ (CCF – Kongress für kulturelle Freiheit) abstrakte Kunst, atonale Musik, unzufriedene Intellektuelle und akademische Randtheorien als Waffen in Stellung brachte, um im Westen die Herzen und Köpfe der Linken für sich zu gewinnen!
- … wie besagtes antikommunistisch angelegte kulturelle Ökosystem, später übernommen von der Ford-Stiftung und „Open Society“ von George Soros, eine Kultur der Gesellschaftskritik und subjektiven Transformation nach sich zog, die sich letztendlich gegen ihre liberalen Schöpfer wendete!
- … wie die Infrastruktur, welche den Westen gegen eine Form des Radikalismus immunisieren sollte, zur Plattform für einen anderen Radikalismus noch werden sollte!
Doch diese Geschichte endet nicht in den Seminarräumen der Columbia University oder mit den Magazinen des „Congress for Cultural Freedom“ [CCF]: Denn was erst als Waffe gegen den Kommunismus eingesetzt worden war, sollte sich zuletzt in das Instrument einer Macht der neuen Art verwandeln!
In zweiten Teil (dieser Serie) werden wir nachzeichnen, wie besagtes intellektuelle Ökosystem – mit seiner Sprache in Bezug auf [Menschen]Rechte, sowie als Maschinerie der Zivilgesellschaft zur legalistischen Vereinnahmung abweichender Meinungen – über den Westen hinaus exportiert werden konnte, …
- … um zur bevorzugten Ideologie der „extremen Mitte“ zu mutieren!
Wir werden sehen, wie besagter Ordnungsrahmen, welcher Klassensolidarität im eigenen Land zerbrechen lassen sollte, auch im Ausland zur Anwendung kam, um Nationen entlang ethnischer und identitätsbezogener Grenzen zu spalten und …
… so den Boden für eine neue Art von Imperialismus aufzubereiten!
Wir werden Zeugen der Entstehung des NGO-Komplexes [von Nicht-Regierungsorganisationen] und der Formalisierung von „Demokratieförderung“ als Werkzeuge für Regimewechsel mit Hilfe zynischer Partnerschaften …
… zwischen Stiftungen und Geheimdiensten, welche z.B. Regierungen von Polen bis zur Ukraine zu Fall brachten!
Wir werden uns der beunruhigenden Erkenntnis stellen müssen, dass diese Ideologie geboren aus den Erfordernissen des Kalten Krieges, ausgebrütet von amerikanischer Wissenschaft und eingesetzt von privaten Stiftungen zur Waffe und Blaupause …
… für den gesteuerten Niedergang des Westens sowie System zur Begrenzung der Entwicklung des Globalen Südens wurde!
Die folgende Darstellung wird zeigen, wie Fragmentierung, Identitätspolitik und subjektive Realitäten des modernen Westens nicht die Früchte einer fremden Ideologie waren, sondern sich als Ergebnisse aus einem jahrzehntelangen ideologischen Konstruktionsprojekt ableiten lassen. Ein Projekt, das die konservative Rechte, besessen von ihren angestammten kulturellen Signifikanten, als kommunistische Verschwörung notorisch fehlinterpretierte:
Konservative Rechte sehen nur den Geist von Marx in einer ansonsten offensichtlich kapitalistischen Maschine!
Der sozialistische und kommunistische Aufschwung im Westen der Nachkriegszeit (1945–1955)
Sozialistische und kommunistische Parteien erlebten nach dem Zweiten Weltkrieg im gesamten Westen einen dramatischen Aufschwung an Popularität, auch wenn solche Fakten aus der Zeitgeschichte inzwischen weitgehend ausgelöscht worden sind. Die Verwüstungen des Krieges, der Zusammenbruch des Ancien Régime und die Erinnerungen an die Versäumnisse des Kapitalismus vor dem Krieg – wie vor allem bezüglich der Weltwirtschaftskrise – trugen zu einer beispiellosen politischen Neuorientierung bei. Sozialistische Ideologien, die einst noch an den Rand des politischen Spektrums gedrückt worden waren, drangen von Frankreich bis Italien sowie vom Vereinigten Königreich bis nach Griechenland in den politischen Mainstream vor und wurden von Massenbewegungen der Arbeiter, Intellektuellen und einer kriegsmüden Bevölkerung getragen.
In Westeuropa positionierten sich sozialistische und kommunistische Parteien rasch zu Verfechtern für Wiederaufbau, soziale Gerechtigkeit und Frieden, während die alten Eliten aus dem Krieg weitgehend diskreditiert hervorgingen, …
… belastet durch entweder Kollaboration oder Inkompetenz!
Dagegen gewannen Kommunisten, welche antifaschistische Widerstandsbewegungen angeführt hatten, zunehmend an Glaubwürdigkeit. Die entscheidende Rolle der Roten Armee bei der Niederwerfung Nazi-Deutschlands trug zum Ansehen des Kommunismus bei. Zugleich wurde der Sowjetunion von vielen im Westen als antifaschistische Macht und alternatives Modell industrieller Entwicklung entsprechender Respekt gezollt.
In den USA führte die Popularität des Kommunismus und sozialistischer Bewegungen zur „Zweiten Roten Angst“ mit der Vorstellung, dass in- oder ausländische Kommunisten die amerikanische Gesellschaft unterwandern oder untergraben könnten. Das führte zu einer staatlich gesponserten Panik, die in der Truman-Doktrin gipfelte – einem politischen, militärischen und wirtschaftlichen Programm, um der Ausbreitung der kommunistischen Ideologie den Kampf anzusagen – gepaart mit einer Politik harter innerstaatlicher Repressionen, die sich in den McCarthy-Prozessen niederschlugen.
Das Jahrzehnt nach 1945, das inzwischen aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen ist, glich einem seltenen Moment, gemäß dem revolutionärer Sozialismus als mögliche Zukunft des Westens erschien.
Der Marshall-Plan (und seine verborgene Agenda)
Doch die weit verbreitete sozialistische Stimmung kollidierte sehr bald mit den zunehmenden Spannungen im Zuge des Kalten Krieges, indem die USA und ihre Verbündeten verstärkt Kampagnen zur Unterdrückung kommunistischer Einflüsse in Szene setzten. Washington stand vor der strategischen Notwendigkeit …
… Europa wiederaufzubauen – doch nicht aus Gründen des Altruismus, sondern als ein Bollwerk gegen den Kommunismus!
Der Marshall-Plan (1947) zielte darauf ab, dem Wählerpotential kommunistischer Parteien durch den Wiederaufbau Europas nach sozialdemokratischen Vorbild etwas entgegenzustellen. Die Sozialdemokratie sollte dabei toleriert werden, um der Anziehungskraft der Sowjetunion entgegenzuwirken.
Doch der Marshall-Plan ging weit darüber hinaus: In dem Bestreben, die ideologischen Grundlagen revolutionärer sozialistischer Politik zu unterminieren, finanzierten amerikanische Geheimdienste ihre eigene verdeckte Revolution: Sie machten sich daran, ein antikommunistisches, gesellschaftliches, …
… kulturelles und intellektuelles Ökosystem für eine alternative „Anti-Establishment-Linke“ konstruieren zu lassen!
Dieses Ideologie-Konstrukt mied Klassenpolitik und lehnte Revolutionen ab …
… zugunsten einer radikalen individualistischen Interpretation und gesellschaftlichen Transformation!
Anfang der 1950er Jahre hatte sich der Kalte Krieg zu einem globalen Wettstreit, nicht nur zwischen den Armeen und Volkswirtschaften (von Ost & West), sondern auch zwischen Ideen, Ästhetik und intellektueller Legitimität, ausgeweitet. Die Sowjetunion bot eine Vision von Geschichte, Klasse und Fortschritt an. In Reaktion darauf starteten die Vereinigten Staaten ihre eigene ideologische Offensive – nicht mit offener prokapitalistischer Propaganda, sondern mit einer Poesie zum Beat, mit moderner Kunst sowie obskuren linken Journalen.
Die Büros des Marshall-Plans – wie die Economic Cooperation Administration (ECA) und später die Mutual Security Agency (MSA) – boten entscheidende logistische Verschleierung für die kulturelle Offensive der CIA. Die Behörden ECA & MSA waren mit dem wirtschaftlichen Wiederaufbau Westeuropas betraut, wobei ihre weitreichende Präsenz auf dem gesamten Kontinent sie zu idealen Plattformen machte, um politische Operationen verdeckt zu belassen: Konferenzen, Publikationen und Veranstaltungen wie die des „Congress for Cultural Freedom“ [CCF] konnten über Büros des European Reconstruction Program (ERP) abgewickelt werden, …
… wobei sich damit die direkte Beteiligung der CIA dahinter [perfekt] verschleiern ließ!
Gelder wurden über ERP-Konten oder verbundene Stiftungen gewaschen: Mittel flossen vielfach über Stiftungen – legitime oder auch über solche zum Schein – um die Spuren nach Langley [Sitz des CIA-Hauptquartiers in den USA] verschleiern zu lassen. Die Infrastruktur des Marshall-Plans bot einen perfekten Nebelschleier für legitime Aktivitäten, hinter denen die Kulturkriegsführung des „Congress for Cultural Freedom“ [CCF] stand, ohne groß öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen.
Fortsetzung „Der Geist in der Maschine“ mit Teil 1b folgt
Übersetzung: UNSER-MITTELEUROPA
Der Serie „The Ghost in the Machine – How the CIA created the modern Left and why the Right still thinks it’s a Marxist plot“ im Original auf English: HIER
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Zum Autor: Ryan Perkins ist Senior Analyst und als Editor für den Global Economic Indicator tätig. Er lebt in Peking. Seine Analysen wurden in internationalen Medien wie dem „The Atlantic Magazine“ veröffentlicht und sowohl von Unternehmen wie auch Thinktanks in Anspruch genommen. Sein Substack-Blog erreichte Platz 49 in der Kategorie „Weltnachrichten und Politik“.
Das Buch von Ryan Perkins zur Serie:











