Yanis Varoufakis versteht es wie kaum kein anderer makroökonomische Zusammenhänge, welche atlantischen Massenmedien verdrehen, brillant auf den Punkt zu bringen: Die USA retten nicht, wie behauptet die VAE, sondern nur sich selbst!
Yanis Varoufakis: „Es geht nicht um die Rettung der
Vereinigten Arabischen Emirate, sondern um die des US-Finanzsystems!“
Von REDAKTION | „The ECONOCLASTS“ ist ein neuer Podcast von UnHerd, moderiert vom Ökonomen Yanis Varoufakis und dem Journalisten Wolfgang Munchau. Auch wenn sie politisch nicht immer einer Meinung sind, verbindet sie doch eine gemeinsame Überzeugung: Der Konsens scheint verrottet. Die Mainstream-Ökonomie hat es notorisch versäumt die Ereignisse vorherzusagen die unsere Welt prägen, doch deren gescheiterte Orthodoxie dominiert nach wie vor Tagespolitik und Medien.
Jede Woche wählen Yanis Varoufakis und Wolfgang Munchau zwei Säulen etablierter Orthodoxie – sprich vermeintlich „feststehende Tatsachen“ – aus und zerlegen sie, indem sie die verdrehten Narrative entwirren und die Zusammenhänge zwischen Geld, Weltpolitik und den tatsächlichen Kräften, die unsere Gegenwart prägen, aufzeigen.

Auszug aus dem Podcast „The ECONOCLASTS“ vom 29.4.2026 zur gefährdeten Dollar-Hegemonie als Transkript auf Deutsch
Yanis Varoufakis: … Willkommen zurück bei den ECONOCLASTS!
Man hörte die Nachricht, dass die Vereinigten Arabischen Emirate sowie einige andere Staaten des Golf-Kooperationsrats, darunter Saudi-Arabien, offiziell oder inoffiziell – ich bin mir da nicht ganz sicher – eine Swap-Linie [Währungstausch Vereinbarung] bei der amerikanischen Regierung beantragt hätten? Einen Antrag, dem US-Finanzminister Scott Bessent nach eigenen Angaben, worüber er in den höchsten Tönen schwärmte, stattgegeben habe.
Nun, die orthodoxe Interpretation zu dieser Swap-Linie lautet, dass die Vereinigten Staaten den Golfstaaten, deren Wirtschaft sie mit diesem absurden Krieg im Iran ruinierten, Hilfe anböten. Washington also – so lautet die orthodoxe Darstellung – biete diesen Golfstaaten, denen man so viel Schaden zufügte, eine Rettungsleine bzw. Finanzspritze an:
Nun das entspricht, so wie ich es betrachte, einer völlig falschen Sichtweise!
Sie beruht auf einen leicht zu begehenden Fehler, die jedoch nichtsdestoweniger einem groben Fehler gleicht. Der Punkt hingegen auf den ich hinaus will, besagt, dass diese Swap-Linie ein Rettungspaket für die US-Regierung und für Wall-Street-Banken selbst nur darstellt: Doch kein Rettungspaket für die Golfstaaten!
Kommen wir auf die Grundlagen zu sprechen: Was bedeutet eine Dollar-Swap-Linie? Es handelt sich um eine Fazilität von Zentralbank zu Zentralbank, die darauf abzielt, den Zugang zu Dollar für Ländern, die selbst keine Dollar drucken, zu gewährleisten. So kam es beispielsweise, nachdem die Wall Street im Herbst 2008 zusammengebrochen war und deutsche und französische Banken aufgrund der Subprime-Krise mit riesigen US-Dollar-Verbindlichkeiten konfrontiert wurden. Sie hatten investiert und tölpelhafter Weise alle CDOs [Anmerkung der Redaktion: Collateralized Debt Obligation oder auf Deutsch: „Besicherte Schuldverschreibungen“, was jene natürlich nie waren, doch nur für Europäer gestrickte „strukturierte Finanzprodukte“] amerikanischen Finanziers abgekauft, doch nachdem diese ihren Wert verloren hatten, gingen sie [die europäischen Banken] unter:
Die deutschen und französischen Banken hatten nicht genug Dollar, um ihre Verbindlichkeiten zu bedienen und die Europäische Zentralbank konnte ihnen die benötigten Dollar auch nicht zur Verfügung stellen:
Die Swap-Linien, welche die Fed der Europäischen Zentralbank einräumte, retteten Europa praktisch den Hals!
Vor kurzem gab es eine weitere Swap-Linie, die Schlagzeilen machte: Es war Scott Bessents Versuch, Argentiniens Präsident Milei kurz vor dessen Wahl zu helfen und für dessen Machterhalt entscheidend war. Das US-Finanzministerium gewährte der argentinischen Zentralbank eine Swap-Linie in der Höhe von 20 Milliarden Dollar, um den Wert des Pesos kurz vor den Wahlen zu stützen. [Anmerkung der Redaktion: Nach diesem US-Finanz-Uralt-Trick wird Javier Milei von der europäischen Geschäftswelt zum Säulenheiligen verklärt].
Das war jedoch keine Swap-Linie der Fed [Federal Reserve]. Diese Unterscheidung ist wichtig, da es einen Unterschied zwischen einer von der US-Zentralbank und einer vom Finanzministerium angebotenen Swap-Linie gibt. Wenn die Fed eine Swap-Linie anbietet, kann sie dies ohne Zustimmung des Kongresses – ohne jegliche Einschränkungen- tun. Es handelt sich dabei um unbegrenzte Swap-Linien. Gerade weil es sich um unbegrenzte Swap-Linien handelt, wie es 2008 der Fall war, können solche ein äußerst mächtiges Instrument darstellen. Finanziers auf der ganzen Welt wissen, dass falls sie gegen die Fed wetteten, deren Swap-Linien an Europäer, Japaner und dergleichen keinerlei USD-Beschränkungen unterlägen.
Wenn es jedoch um Swap-Linien des US-Finanzministeriums geht, sind diese streng begrenzt: Das Maximum, welches der US-Finanzminister anbieten kann, beläuft sich, um genau zu sein, auf 219 Milliarden USD, die über den sogenannten Exchange Stabilization Fund laufen. Das wäre soweit sein Angebot [von Scott Bessent].
Nun fragen sich die Leute und auch Sie, Wolfgang [Munchau] haben das in unserer Einleitung gefragt, warum die Golfstaaten 219 Milliarden brauchten?
Ich meine, die kumulierten Dollar-Vermögenswerte der Golfstaaten, einschließlich Saudi-Arabiens, belaufen sich auf rund 6 Billionen Dollar, verteilt auf 11 verschiedene Souveräne Staatsfonds. Sie haben zusätzlich zu den sechs Billionen noch weitere 1,7 Billionen an Devisenreserven, welche ihre Zentralbanken halten. Daher fragen die Amerikaner – insbesondere MAGA-Anhänger –, warum man jenen [Golf Staaten] eine Swap-Linie einräume. Meine Antwort lautet:
Man gewährt nicht ihnen eine Swap-Linie, um sie zu retten – vielmehr will man das amerikanische Finanzsystem retten!
Dazu folgender Hintergrund: Seit den frühen 1970er Jahren, nach dem Ende von Bretton Woods und dem Aufkommen des sogenannten Petrodollars, haben die Golfstaaten Unmengen an Dollar verdient, insbesondere nach 1972/73, der ersten Ölkrise, als der Ölpreis von 3 auf 10, dann auf 20 und schließlich auf 30 Dollar pro Barrel hochschoss. Jene Golfstaaten haben Unsummen an Dollar generiert. Was machten sie damit? Sie lassen diese [Un-]Summen an die Wall Street transferieren, worüber sie in amerikanische Staatsanleihen, Schuldverschreibungen, Waffen des militärisch-industriellen Komplexes, sowie etwas Aktienkapital und natürlich in jede Menge Immobilien eingespeist werden.
Derzeit stecken die Golfstaaten in Schwierigkeiten und ihre Einnahmen gehen zurück, gerade wegen dieses Krieges. Doch das gilt auch für die US-Regierung und für deren Markt für Staatsanleihen, wie auch für den amerikanischen militärisch-industriellen Komplex und in der Tat auch für Immobilienexperten wie Donald Trump, die darauf angewiesen sind, dass diese Petrodollars in den amerikanischen Immobilienmarkt zurückfließen.
Denken Sie daran: Wir haben eine US-Bundesregierung, die ein Haushaltsdefizit von 8% ausweist:
Das ist nur aufgrund besagten Dollar-Recyclings zu realsieren!
Neben dem Petrodollar geht es auch um chinesische und japanische Dollar, doch der Petrodollar-Markt bleibt eine sehr wichtige Finanzierungsquelle fürs amerikanische System.
Wie bekannt, haben Saudi-Arabien und die Golfstaaten Donald Trump in den letzten Monaten Investitionen in der Höhe von 1,4 Billionen Dollar für die amerikanische Halbleiterindustrie, Quantencomputer, Biotechnologie, Energie und KI-Infrastruktur zugesagt. Das sind 1,4 Billionen, welche als Teil dieses Kreislaufs aus den Golfstaaten in die Vereinigten Staaten hätten fließen sollen. Darüber hinaus hatte Saudi-Arabien Trump den Kauf von Waffen im Wert von 1 Billion USD-Dollar zugesichert:
Das nenne ich Schutzgeld – doch all das ist inzwischen weg!
Das sind insgesamt rund 2,5 Billionen Dollar, die eigentlich aus den Golfstaaten in das amerikanische Finanzsystem hätten fließen sollen.
Nun ist Scott Bessent keine Person, die nicht verstünde, was das bedeute. Denken Sie daran, wie er sein Vermögen und seinen Ruhm als „Wilderer“ machte: Indem er zusammen mit George Soros gegen die Bank of England spekulierte. Inzwischen hat man ihn vom „Wilderer“ zum „Wildhüter“ gemacht. Er macht sich nun ehrlich Sorgen, dass „Wilderer“, wie er noch früher, auf der ganzen Welt anfangen könnten, Wetten gegen das amerikanische Finanzsystem – gegen die US-Anleihemärkte – abzuschließen. Inzwischen fallen zweieinhalb Billionen Petrodollars, die in den nächsten 10 bis 18 Monaten in die Vereinigten Staaten hätten fließen sollen, plötzlich aus diesem Recycling-System.
Damit schließe ich meine Argumentation, Wolfgang:
Das ist eine Rettungsaktion zugunsten der Vereinigten Staaten durch die Vereinigten Staaten!
Wolfgang Munchau: Ich kann über weite Teile Ihren Ausführungen folgen. Ich denke, Sie haben absolut Recht dieses Thema anzusprechen. Ich meine, das ist auch die große, bislang zu wenig beachtete Geschichte des Krieges.
[Anmerkung der Redaktion: UNSER-MITTELEUROPA berichtete am 20. November 2023 – vor mehr als drei Jahren – über besagte „zu wenig beachtete Geschichte (heute)“ des kommenden Krieges aus damaliger Sicht unter dem Titel: „Wie der kollektive Westen durch ungezügelt Kriegspolitik seine Selbstenthauptung verursacht“. Siehe Link im Anhang. Das heißt: Die westlichen Landeseliten haben besagte Krise nicht einmal heute, nachdem sie eingetreten ist, auch nur ansatzweise intellektuell verstanden.]
Denn ich vermute, es ist wirklich ein Zeichen von [finanzieller] Überlastung. Ich denke, darin sind wir uns völlig einig.
Ich stimme Ihnen auch zu, wonach Bessent kein Dummkopf sei. Er hätte das nicht getan, wenn er sich nicht über die Risiken bewusst wäre. Ich selbst bin etwas vorsichtiger, was die Art der Risikoeinschätzung anginge. Es könnte um mehr gehen als um eine Rettungsaktion für den Finanzsektor und ggfs. noch schlimmer kommen und um die Angst vor einem breiter angelegten Zusammenbruch des Dollar-Marktes gehen. Wie genau ein [nur] 20-Milliarden-USD-Swap das beheben soll, bleibt unklar, nachdem Sie diese Zahl nannten. Allein die VAE [Vereinigte Arabischen Emirate] verfügen über Vermögenswerte, einschließlich Reserven und Staatsfonds, in Höhe von etwa 2 Billionen. Das ist etwa zehnmal so viel wie der gesamte Stabilisierungsfonds [des US Finanzministeriums] ausmacht.
Man fragt sich also, um welches Instrument es sich hier handelt? Was kann dieses überhaupt bewirken? Unter normalen Umständen wäre das sicherlich nicht nötig: Die VAE sind liquide und zahlungsfähig. Hier gibt es kein Problem. Doch falls man einen massiven Zusammenbruch des globalen Finanzsektors befürchtete, dann könnte das zutreffen.
Ich möchte nicht darüber spekulieren, was der Grund dahinter sein könnte, aber es scheint auf den ersten Blick die seltsamste Nachricht des Jahres. Es scheint unglaublich oder nur schwer zu verstehen. Hätte mir jemand zuvor gesagt, dass man das tun werde, hätte ich es nicht geglaubt. Was das also zu bedeuten hätte: Ich denke, die Rettung des US-Finanzsystems stellt sicherlich einen Teil davon dar. Aber ich glaube, wir könnten [noch stärkeren] Druck erleben, falls das lange noch weiterginge und der Iran weitere Ölanlagen in die Luft jagen würde. Der Iran könnte die Internetleitungen, die Unterseekabel im Persischen Golf sprengen und große Teile der arabischen Welt vom Internet kappen. Das hätte enorme Auswirkungen auf Banken und die finanzielle Sicherheit. Es scheint etwas wirklich Seltsames vor sich zu gehen, wobei die Risiken, gegen die man sich absichern will, extrem groß scheinen.
Yanis Varoufakis: Nun, ich glaube, nichts von dem, was Sie sagten, widerspricht meiner Darstellung. Als ich von der Rettung des amerikanischen Finanzsystems sprach, meinte ich genau dasselbe wie Sie: Das globale Zahlungssystem – die globalen Finanznetzwerke, denn sie sind ein und dasselbe:
Das globale Finanznetzwerk fällt mit dem US-Dollar-Zahlungssystem zusammen!
Das Dollar-Zahlungssystem – die Hegemonie des Dollars – hängt davon ab, dass …
… Dollar anderer Leute in die Wall Street, in Staatsanleihen und in den militärisch-industriellen Komplex zurückfließen würden!
Das ist also der springende Punkt. In dem Moment, in dem ein Hindernis auftauchte, etwas, das diesen Recycling-Mechanismus daran hindert, so zu funktionieren, wie er seit den frühen 1970er Jahren funktioniert hatte, das würde die Dollar-Hegemonie und das gesamte von Ihnen beschriebene Konstrukt an den Rand des Zusammenbruchs bringen.
Nun, wie Sie und ich sagten, verfügt Scott Bessent nicht über Befugnisse, wie die der Fed, um unbegrenzt über Swap-Linien zu verfügen, was er jedoch bräuchte. Was er hat, ist diese besagte Fazilität, die wir zuvor erwähnten, welche auf 219 Milliarden Dollar begrenzt ist, doch erbärmlich anmutet: Weder 20 Milliarden USD noch 219 Milliarden USD werden ausreichen.
Ich denke, indem er seine Autorität über diese bestimmte Swap-Linie ausspielte, so begrenzt sie auch erscheinen mag, er darüber ganz einfach nur einen sehr wirkungsvollen Signalmechanismus in Gang brachte:
Scott Bessent wollte den Finanzmärkten signalisieren, dass die Vereinigten Staaten, falls nötig, sich selbst retten werden!
Nun, wenn ich ein Finanzier wäre, der in London, Singapur oder Hongkong säße, würde ich das folgendermaßen sehen: Scott Bessent hat nicht die Kapazität, die erforderlichen Swap-Linien in unbegrenzter Höhe anzubieten. Aber Jerome Powell steht kurz vor dem Ausscheiden aus der Fed. Vielleicht signalisiert Scott Bessent darüber, dass der neue Vorsitzende der Fed, welcher von der Trump-Administration voll und ganz gebilligt wird, die Idee der Bereitstellung von Swap-Linien, falls notwendig, voll unterstützen werde, um die Hegemonie des Dollars zu sichern.
Wolfgang Munchau: Ja, das ergibt Sinn. Ich denke, das ist zugleich die plausibelste Erklärung, denn es ist schwer vorstellbar, wie nur 20 Milliarden etwas bewirken könnten, außer als Signal für künftige Maßnahmen – als Signal, um die Märkte zu beruhigen:
Wir haben in den letzten Wochen viele Maßnahmen erlebt, die darauf abzielten, die Märkte zu beruhigen!
Beispielsweise mit Behauptungen, es gäbe Verhandlungen, obwohl das nicht der Fall war. Inzwischen gibt es eine Swap-Linie. Es gibt also eine Flut von Ankündigungen und Entscheidungen, die lediglich darauf abzielten, Banker und Investoren bei der Stange halten bzw. nicht in Panik geraten zu lassen. Das ist also, wie ich finde, eine ausgesprochen plausible Erklärung. Es beruhigt mich zwar nicht, aber es könnte die Wall Street beruhigen!
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Yanis Varoufakis und Wolfgang Munchau auf ihrem Podcast The ECONOCLASTS vom 29.4.2026 in voller Länge im englischen Original: HIER
Wie vor über drei Jahren hat UNSER-MITTELEUROPA die heutige Kriegssituation und das finanzielle Desaster des Westens vorhergesagt wurde:
Wie der kollektive Westen durch ungezügelte Kriegspolitik seine Selbstenthauptung verursacht
Yanis Varoufakis „Der dunkle Deal“ – über 50 Jahre-plus Leistungsbilanzdefizit der USA:
Der „dunkle Deal“: Wer ruiniert den deutschen Mittelstand und die soziale Marktwirtschaft?

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