Der Glaube daran, dass beispielsweise ein Video ohne GPS- oder Metadaten die Anonymität schützen könnte, wird wohl nunmehr seitens der „Entwicklungen“ von US-Geheimdiensten eines Besseren belehrt. Die US-Geheimdienst-Behörde IARPA hat eine Technologie entwickelt, die Aufnahmen „aller Art“ gänzlich ohne Standortdaten zuordnen kann.
KI-Analyse machts möglich
Mit seinem neuen Forschungsprogramm LocUS (Location Using Sound) entwickelt die US-Geheimdienstbehörde IARPA nun eine Technologie, die Fotos, Videos und sogar reine Audioaufnahmen ihrem Aufnahmeort zuordnen kann, gänzlich ohne Standortdaten. Eine künstliche Intelligenz analysiert dabei Gebäude, Straßen, Landschaften, Vegetation, Lichtverhältnisse, Raumakustik, Vogelstimmen, Verkehrslärm oder Maschinen und kombiniert diese Informationen dann quasi zu einem geografischen Fingerabdruck.
„Vorerst einmal“ sollen also Geheimdienste und Sicherheitsbehörden den Aufnahmeort von Bild- und Tonmaterial künftig nahezu automatisch bestimmen können und dies freilich sowohl im Freien als auch in Innenräumen.

Digitale Überwachung auf „nächstem Level“
Offiziell verweist IARPA, beinahe wie gewohnt, auf Anwendungen wie Terrorismusbekämpfung, Menschenhandel oder Geiselbefreiungen. Freilich geht diese Technologie aber weit darüber hinaus.
Wenn somit jedes veröffentlichte Video, jedes Foto und sogar jede Tonaufnahme automatisch geolokalisiert werden kann, verliert die Anonymität im digitalen Raum einen weiteren enorm wichtigen Schutzmechanismus. Wer Missstände dokumentiert, Informationen veröffentlicht oder anonym recherchiert, könnte künftig allein anhand von Bild- und Umgebungsgeräuschen identifiziert werden. Was fraglos auch einen weiteren „Anschlag“ auf unabhängigen Journalismus darstellen würde.
LocUS ist allerdings kein Einzelprojekt, es reiht sich nahtlos in eine Serie von IARPA-Programmen ein, die bereits Gesichtserkennung, Objektverfolgung, Bewegungsanalyse und automatische Videoauswertung entwickeln. Nun kommt die Fähigkeit hinzu, den Ort praktisch jeder Aufnahme zu bestimmen. Damit entsteht somit eine Infrastruktur, in der nicht mehr nur wer auf einem Bild zu sehen ist, sondern auch wo und wann eine Aufnahme entstanden sein könnte.
Zweifelsfrei schreitet hier die technische Entwicklung rasant voran. Die entscheidende Frage lautet allerdings längst nicht mehr, ob solche Systeme funktionieren werden, sondern wer diese kontrolliert, gegen wen sie eingesetzt werden und welche Grenzen ihnen, wenn überhaupt gesetzt werden. Mit LocUS verschiebt sich klar die Grenze zwischen digitaler Spurensuche und allumfassender Überwachung erneut um einen weiteren Bereich.Die Hoffnung der Menschen, die bislang auf Anonymität hoffen konnten, könnte künftig also gänzlich der Vergangenheit angehören.

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