Der Autor und Analyst, Ryan Perkins sieht die Deindustrialisierung Europas als Staatsstreich und nicht Zufall: Durch US-Zölle und Energieabkommen zur Vasallisierung gezwungen, flieht deutsches Kapital auch nach China.
Der Artikel von Ryan Perkins zum finalen Staatsstreich des Kapitals in deutscher Übersetzung
Die Zerschlagung der EU-Souveränität an zwei Fronten
Im vorherigen Artikel „Deutschlands Deindustrialisierung ist ein Coup des Kapitals“ [siehe Link zum UM Artikel unten] legte ich dar, wonach der systematische Abbau der industriellen Basis des Landes keinem Zufall unterlag, sondern durch die vorsätzliche Zustimmung zum Primat des Finanzkapitals über das der Industrie bestimmt war. Inzwischen erlebt man die letzte, brutale Phase dieses Prozesses:
Die erzwungene Neuverlagerung europäischen Kapitals, welches einerseits von den Vereinigten Staaten abgezogen und andererseits nach China umgeschichtet wird:
Wodurch der industrielle Kern des Kontinents zur reinen Hülle ausgehöhlt wird!
Das sogenannte „Abkommen zur Wiederherstellung des Handelsgleichgewichts“ [das EU/USA Handelsabkommen] der EU mit den Vereinigten Staaten, welches im Juli 2025 vom europäischen Parlament gebilligt wurde, war weniger ein Abkommen als vielmehr eine einseitige Kapitulationserklärung:
Es hat den Status Europas als Vasallen-Wirtschaft de facto besiegelt!
Mit Strafzöllen von 15 Prozent auf die meisten EU-Exporte sowie Sätzen von 50 Prozent auf Stahl und Aluminium wird der transatlantische Handelskorridor zunehmend zur Einbahnstraße. Nachfolgende Klauseln, wie die Zwangskäufe von überteuertem US-Flüssiggas (LNG) im Wert von 750 Mrd. US-Dollar und eine Verpflichtung zum Import amerikanischer Waffen im Wert von 600 Mrd. US-Dollar, entsprechen nicht den Konditionen eines Handelsabkommens, sondern vielmehr denen von Schutzgeldzahlungen. Darüber wird systematisch europäisches Kapital abgesaugt und über den Kontinent eine langfristige Energie- und Militärabhängigkeit verhängt.
[Anmerkung der Redaktion: Nach dem gewaltsamen Staatsstreich in Kiew durch die Dienste im Jahr 2014, was die neo-faschistische Machtergreifung ermöglichte, beklagten die Abnehmer russischen Gases aus EU-Europa, die vermeintlich zu „hohen russischen Gaspreise“, wobei sich zu diesem Zeitpunkt tausend Kubikmeter Gas auf rund USD 175 beliefen. Man schwadronierte gegenüber den Russen vom atlantischen Wunsch „Marktpreise“ am besten durch die Börse zu kriegen: Dieser Wunschtraum der „Europäer“ wurde inzwischen voll erfüllt. Inzwischen bezieht man in Deutschland LNG (Flüssiggas] zu Preisen jenseits von USD 1,000 für tausend Kubikmeter aus Übersee, wie es das deutsche Finanzestablishment so sehr herbeigesehnt hatte.]
Deutschlands Finanzelite, welche kostenintensive Fabriken im Ruhrgebiet als unterdurchschnittlich rentable Vermögenswerte sieht und diesen Prozess der Deindustrialisierung mit dem Ausstieg aus der deutschen Kernenergie einleitete, wird inzwischen durch zunehmend erzwungene US-Handelspraktiken in die Enge getrieben. Die Gefahr eines Ausschlusses vom US-Markt durch Zölle und Subventionen im Stil des IRA [Inflation Reduction Act des Jahres 2022] der Biden-Ära sowie die unvermeidliche Notwendigkeit des Zugangs zum chinesischen Markt sorgten für den Moment der Wahrheit. Die Entscheidung für das Kapital klingt einfach:
Deindustrialisierung, Finanzialisierung und Diversifizierung der Vermögenswerte zwischen China und USA
Vor diesem Hintergrund ist das Gerede der EU vom sogenannten „De-Risking“ [zur vermeintlichen Risikoabsicherung] gegenüber China nur ein politischer Vorwand.
Unter der Drohung, von den US-Märkten ausgeschlossen zu werden, haben beispielsweise BMW und Mercedes bereits damit begonnen, ihre Produktionen für Batterien und Elektrofahrzeugen auf US-amerikanischen Boden zu verlagern. Ein Bericht der Rhodium Group enthüllt jedoch, dass diese Automobilhersteller, obwohl sie Milliarden für neue Fabriken in South Carolina versprechen, gleichzeitig verstärkt auf China setzen.
„Mehr denn je werden die EU-Investitionen in China von Deutschland und seinen Automobilherstellern vorangetrieben. Deutsche Auslandsdirektinvestitionen machten im ersten Halbjahr 2024 57% der gesamten EU-Investitionen in China aus, 62% im Jahr 2023 und einen Rekordwert von 71% im Jahr 2022. Treiber hierfür waren Investitionen im Automobilbereich, die seit 2022 etwa die Hälfte aller EU-Investitionen in China ausmachen.“
Quelle: Don’t Stop Believin’: Der unaufhaltsame Anstieg deutscher Auslandsinvestitionen in China[1]
Das ist keine Diversifizierung, vielmehr die rationale und kalkulierte Flucht des Kapitals. Europas „Deindustrialisierung“ stellt eine vorsätzliche Aktion an zwei Fronten dar:
An der Westfront wirken Washingtons zwanghafte Handelsarchitektur und finanzielle Subventionen wie ein Vakuum, das hochwertige Produktionszweige ansaugt sowie Tributzahlungen für Energie und Sicherheit einfordert.
An der Ostfront setzt Berlins Finanzelite, symbolisiert durch die Merz-Regierung, weiterhin voll auf China.
In diesem Zusammenhang ist das [deutsche] Handelsdefizit [2025] von 89,3 Mrd. Euro [mit China] schlichtweg der Preis für Geschäfte, um eine globale Kapitalrendite garantiert zu haben. Es ist der Preis dafür, Zugang zur Größe, Dichte der Lieferketten und Marktnähe, welche China bietet, zu erhalten und gleichzeitig die zunehmend parasitierende USA beschwichtigen zu können:
Die europäische Industrie ist nicht bloß im Niedergang begriffen – sie wird systematisch abmontiert!
Die Finanzelite kann nur noch höhere Renditen erzielen, indem sie den militärisch-industriellen Komplex der USA füttert und sich in chinesische Lieferketten einbettet. Die sozialen Kosten …
… mit der Aushöhlung des Mittelstands und dem Verlust qualifizierter Arbeitsplätze sind lediglich Kollateralschäden!
In solchen „Greenfield-Projekten“ [gemeint sind Projekte auf der „grünen Wiese“, die bei null starten, wie die in den USA] …
… in China und den USA werden die Überreste des alten deutschen Industriemodells begraben!
Dies ist die Endphase der Finanzialisierung Deutschlands und im weiterer Folge der gesamten EU-Wirtschaft. Das europäische Projekt, welches einst als potenzielles Gegengewicht angepriesen wurde, ist zu einem Debattierklub verkommen, der über seine eigene wirtschaftliche Zerstückelung präsidiert. EU-Europa wird inzwischen zu einem abgeschotteten Markt für US-Waren und zu einer Talent-Pipeline für US-Konzerne umfunktioniert, während seine eigenen, einst weltweit führenden Unternehmen ihr finanzielles Überleben sichern, indem sie sich genau in jenes Ökosystem von China, das seine Politiker verteufeln, integrieren. Der Kontinent wird nicht nur deindustrialisiert, er wird regelrecht rückabgewickelt:
Die wirtschaftliche Souveränität des Kontinents wird zwischen Washington und Peking liquidiert!
Quellenangabe:
[1]
Bericht der Rhodium Group: HIER
***
Übersetzung: UNSER-MITTELEUROPA
Zum Autor: Ryan Perkins ist Senior Analyst und als Editor für den Global Economic Indicator tätig. Er lebt in Peking. Seine Analysen wurden in internationalen Medien wie dem „The Atlantic Magazine“ veröffentlicht und sowohl von Unternehmen wie auch Thinktanks in Anspruch genommen. Sein Substack-Blog erreichte Platz 49 in der Kategorie „Weltnachrichten und Politik“.
Das Buch “Der Geist in der Maschine” von Ryan Perkins über die kapitalistische Technokratie, die gerne mit Marxismus verwechselt wird |
Quelle: ryanperkins.sustack.com
BILD 2 mit Legende – 2026.9.13
Der Artikel (10.11.2025) von Ryan Perkins “Germany’s Deindustrialisation Is a Capital Coup” im englischen Original: HIER
https://ceinewsletter.substack.com/p/the-capital-coups-final-stage-europe
Der UM-Artikel (29.10.2025) von Ryan Perkins “Deutschlands Deindustrialisierung ist ein Coup des Kapitals! “: HIER
https://www.unser-mitteleuropa.com/205668
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