Von MEINRAD MÜLLER | In einem fernen Land lebten einst 83 Millionen Geißlein. Sie arbeiteten, zahlten Steuern und gingen sonntags im Wald spazieren. Regiert wurden sie von einem König, der die Natur liebte und an das Gute in jedem Lebewesen glaubte. Löwen sollten neben Lämmern ruhen. Füchse sollten Radieschen fressen. Wölfe sollten lernen, dass Ziegen keine Nahrung, sondern Mitgeschöpfe sind.
Der König holt die Wölfe zurück
Eines Tages verkündete der König, die Wölfe müssten in das Land zurückkehren. Schließlich hätten sie vor langer Zeit schon einmal zwischen Rhein und Oder gelebt. Wer dagegen Einwände erhob, galt als unfreundlich zur Natur. Bald verschwanden die ersten Schafe. Dann wurden Ziegen gerissen. Schließlich fanden Bauern auch tote Kälber und Fohlen auf ihren Weiden.
Die Bauern baten den König, die Wölfe wieder aus dem Land zu bringen. Doch der König wollte davon nichts hören. Die Wölfe gehörten nun einmal dazu. Man müsse lernen, mit ihnen zu leben.
Mauern für die Geißlein
Statt die Zahl der Wölfe zu begrenzen, ließ der König Mauern um die Weiden bauen. Wo keine Mauern möglich waren, sollten hohe Zäune errichtet werden. Wo auch Zäune nicht genügten, stellte man mächtige Herdenschutzhunde auf.
Die Geißlein mussten für Mauern, Zäune und Hunde bezahlen. Schließlich ging es um ihre Sicherheit. Der König trat vor sein Volk und erklärte, man habe ein knallhartes Schutzpaket beschlossen. Die Wölfe blieben. Aber die Geißlein sollten künftig vorsichtiger sein.
Wer den Wald betrat, bekam eine Trillerpfeife. Wer nachts nach Hause ging, sollte helle Kleidung tragen. Eltern wurden gebeten, ihre Kinder nicht allein auf Waldwegen spielen zu lassen. So wurde die Freiheit der Geißlein immer kleiner, während die Freiheit der Wölfe unangetastet blieb.
Futterstellen und Wolfsschulen
Weil einige Wölfe weiterhin Schafe rissen, ließ der König Futterstellen einrichten. Satte Wölfe, so erklärten seine Berater, seien friedliche Wölfe. Das Futter gefiel den Tieren ausgezeichnet. Sie kamen zahlreicher als zuvor. Einige holten sich erst das ausgelegte Fleisch und fraßen danach noch ein Schaf zum Nachtisch.
Daraufhin eröffnete der König Wolfsschulen. Besonders auffällige Tiere wurden von Verhaltenstrainern betreut. Sie sollten lernen, Konflikte ohne Zähne zu lösen. Es gab Deeskalationskurse, Anti-Beiß-Schulungen und Gespräche über gewaltfreie Ernährung. Die Wölfe erhielten Teilnahmebescheinigungen. Manche fraßen sie auf.
Einige besonders gefährliche Tiere bekamen ein Halsband mit einer Glocke. So konnten die Geißlein hören, wenn ein Wolf näherkam. Der König nannte dies einen Meilenstein der inneren Sicherheit.
Die Wölfe sollen freiwillig gehen
Wölfe, die wiederholt Schafe, Ziegen oder Fohlen gerissen hatten, sollten das Land verlassen. Dazu wurden sie höflich aufgefordert, nach Osten zurückzukehren.
Die Wölfe nahmen die Schreiben nicht entgegen.
Man legte ihnen die Aufforderungen vor ihre Höhlen. Am nächsten Morgen waren die Papiere verschwunden. Der König wertete dies als Zeichen, dass der Verwaltungsakt zur Kenntnis genommen worden sei. Als trotzdem kein Wolf abreiste, kündigte der König ein noch härteres Paket an. Besonders gefährliche Wölfe sollten künftig eine elektronische Fußfessel tragen. Zudem könne man erwägen, einzelne Tiere vorübergehend in einem Gehege unterzubringen.
Die Hofpresse lobte den König für seine Entschlossenheit.
Der König zeigt Härte
Eines Tages wurde mitten in der Hauptstadt ein Geißlein angefallen. Plötzlich war das Entsetzen groß. Der König trat vor die Kameras und erklärte, nun müsse der Staat mit aller Härte handeln. Man werde das Strafalter der Wölfe überprüfen. Man werde ihre Bewegungen genauer beobachten. Man werde besonders gefährliche Tiere möglicherweise sogar einsperren.
Die Geißlein staunten.
Seit Jahren hatten sie darum gebeten, weniger Wölfe ins Land zu lassen. Seit Jahren hatten sie gewarnt, dass Mauern, Glocken und Verhaltenstrainer das Problem nicht lösen würden.
Und wenn sie gestorben sind, dann fressen sie noch heute.
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MEINRAD MÜLLER (71), Unternehmer im Ruhestand, kommentiert mit einem zwinkernden Auge Themen der Innen-, Wirtschafts- und Außenpolitik für diverse Blogs in Deutschland. Der gebürtige Bayer greift vor allem Themen auf, die in der Mainstreampresse nicht erwähnt werden. Seine humorvollen und satirischen Taschenbücher sind auf Amazon zu finden. Müllers bisherige Beiträge auf UNSER MITTELEUROPA gibt es hier, seinen Ratgeber für Hobbyautoren hier.

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