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Name Toussaint Louverture sagt in diesen Breitengraden kaum jemandem etwas, obwohl er – oder weil er? – einer der bedeutendsten Revolutionäre der Menschheitsgeschichte gewesen ist.

Toussaint Louverture, oder: Die Kunst, mit dem Teufel zu tanzen

  • Rezension: Sudhir Hazareesingh, Black Spartacus. Das große Leben des Toussaint Louverture, C. H. Beck, München 2022, ISBN 978-3-406-78458-3, € 19,95

Ein Sklave, der nicht rebelliert, verdient kein Mitleid.
Ibrahim Traoré, seit 2022 Staatschef von
Burkina Faso (ehemals Obervolta)

Von PETER PRISKIL | Der Name Toussaint Louverture sagt in diesen Breitengraden kaum jemandem etwas, obwohl er – oder weil er? – einer der bedeutendsten Revolutionäre der Menschheitsgeschichte gewesen ist. Das mag überraschend klingen, weit hergeholt erscheinen, aber in diesem Artikel soll der Nachweis dafür erbracht werden: Ein schwarzer Sklave von Geburt leitet erfolgreich die Aufstände versklavter schwarzer Plantagenarbeiter an, gründet eine schlagkräftige und disziplinierte Armee der Ausgebeuteten, die er als Kommandeur befehligt. In zahllosen Gefechten besiegt er alle Kolonialmächte von Rang, die in der Karibik so ihre „Interessen“ haben und blutrünstige Regime auf Sklavenbasis installierten – Frankreich, Spanien und Großbritannien –, und gründet die erste Republik südlich der Vereinigten Staaten mit explizitem Bezug auf Rousseaus „Gesellschaftsvertrag“.

Es ist der erste souveräne Staat in der vom Frühkapitalismus beherrschten Welt, sei es nun in Mittel- und Südamerika, Afrika oder Asien, und Toussaint Louverture steht ihm mit fester, wenngleich nicht immer glücklicher Hand vor. Es ist überhaupt einer der ganz wenigen, an fast einer Hand abzuzählenden Staaten, die aus einer erfolgreichen revolutionären Erhebung hervorgegangen sind; zu nennen sind hier in erster Linie die Französische Revolution, die als entscheidende Ermutigung die Initialzündung für den diesmal erfolgreichen Sklavenaufstand auf dem heutigen Haiti gegeben hat, und die Russische Revolution unter der Führung von Lenin und Trotzki.

Andere letztlich geglückte Befreiungskriege wie der chinesische oder vietnamesische in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts waren primär Kämpfe um die nationale Unabhängigkeit, die im Windschatten des Oktoberumsturzes erfolgten und insofern auch – es waren ja Volkskriege – nach siegreichem Abschluß die soziale Umwälzung und Neugestaltung in Angriff nahmen; es handelte sich jeweils, im Unterschied zur russischen, um keine proletarische, sondern um eine Revolution der Bauernmassen. Toussaint Louverture hingegen führte von der ersten Stunde an einen Klassenkrieg der Sklaven mit dem besagten Ziel, Rousseaus Konzept in die Tat umzusetzen.

Wenn die Erinnerung an seine Taten und Verdienste zumindest im unmittelbaren NATO-Machtbereich, also im Westblock, verblaßt bis gänzlich geschwunden ist (falls sie dort je existierte), so könnte man auf den ersten oberflächlichen Blick die geographische und zeitliche Distanz der Geschehnisse dafür namhaft machen. Die Karibik stand noch nie im Zentrum des Weltgeschehens (sieht man einmal von der sog. Kuba-Krise 1962 während des Kalten Krieges ab), und bei unserem Thema handelt es sich ja nur um eine Insel der Großen Antillen, das zwischen Kuba und Puerto Rico gelegene Hispaniola, genauer gesagt um deren westliches Drittel, das damals Saint-Domingue, heute Haiti heißt, während der östliche Teil sich nach der ersten – spanischen – Kolonialmacht Santo Domingo bzw., seit 1865, Dominikanische Republik nennt. Der fragliche zeitliche Rahmen umfaßt die letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts bis zum Jahre 1802 – dem Todesjahr Louvertures im französischen Kerker, einer mittelalterlichen Festung im eisigen Jura, wohin man den Tropenmenschen verschleppt hatte, wie gegenwärtig den venezolanischen Staatspräsidenten Nicolás Maduro samt seiner Ehefrau.

Doch es sind nicht äußere Gegebenheiten wie diese, die das Gedächtnis der Europäer trüben und es per gezielter Selektion so löchrig gestalten wie einen Emmentaler Käse. Toussaint Louverture, der bürgerliche, aus Abgründen der Sklaverei aufgestandene Revolutionär, der „seinen“ Rousseau so gut kannte wie die antikolonialistische Fibel der französischen Aufklärung, die von Guillaume Th. F. Raynal und Denis Diderot verfaßte „Philosophische und politische Geschichte der beiden Indien“, die zwischen 1770 und 1780 zwanzig Auflagen erlebte und 1781 vom höchsten französischen Gerichtshof verboten wurde; derselbe lesewütige Louverture, der mit Machiavelli und Montesquieu auf vertrautem Fuß stand, und derselbe schreibwütige Louverture, der im Lauf seines bewegten Lebens rund 5.000 Briefe verfaßte, Dekrete und Gemeindesatzungen aus dem Ärmel schüttelte, schließlich die Verfassung des durch ihn vom Kolonialjoch befreiten Landes endredigierte – dieser Freiheitskämpfer steht mittlerweile für verbotene Inhalte, für Inhalte, die das Bürgertum in seiner revolutionären Aufstiegsphase auszeichneten und von denen es sich, im Kampf gegen die organisierte Arbeiterbewegung und zumal in der monopolistischen Erstarrung der Jetztzeit, längst abgewendet hat: Haß auf Irrationalität und Despotismus, unveräußerliche Menschenrechte, in deren Zentrum die Meinungsfreiheit und die Toleranz stehen – also das „Ertragen“ von Meinungen, die man selbst nicht teilt –, schließlich die Souveränität der Nationen und die Volksherrschaft, also „Demokratie“, ein von Verfassungsbrechern aus unreinem Mund vielbeschworenes Mantra, dessen ursprünglicher Gehalt längst zerquasselt und von abgebrühten Zynikern in ihren Fernsehreden nun, da sie nicht mehr existiert, wie Sauerbier angepriesen wird.

Es sind jedoch nicht äußere Gegebenheiten wie diese, die das Gedächtnis der Europäer trüben und es durch gezielte Selektion löchrig wie ein Emmentaler Käse gestalten. Toussaint Louverture war ein bürgerlicher Revolutionär, der aus den Abgründen der Sklaverei aufgestanden war. Er kannte „seinen” Rousseau und die antikolonialistische Fibel der französischen Aufklärung, die „Philosophische und politische Geschichte der beiden Indien” von Guillaume Th. F. Raynal und Denis Diderot, die zwischen 1770 und 1780 zwanzig Auflagen erlebte und 1781 vom höchsten französischen Gerichtshof verboten wurde. Louverture war lesewütig und stand mit Machiavelli und Montesquieu auf vertrautem Fuß. Er verfasste im Lauf seines bewegten Lebens rund 5.000 Briefe, Dekrete und Gemeindesatzungen und schließlich die Verfassung des durch ihn vom Kolonialjoch befreiten Landes entredigierte – steht mittlerweile für verbotene Inhalte. Für Inhalte, die das Bürgertum in seiner revolutionären Aufstiegsphase auszeichneten und von denen es sich im Kampf gegen die organisierte Arbeiterbewegung und in der monopolistischen Erstarrung der Jetztzeit längst abgewendet hat: Hass auf Irrationalität und Despotismus, unveräußerliche Menschenrechte, in deren Zentrum die Meinungsfreiheit und die Toleranz stehen, also das „Ertragen” von Meinungen, die man selbst nicht teilt, schließlich die Souveränität der Nationen und die Volksherrschaft, also „Demokratie”, ein von Verfassungsbrechern aus unreinem Mund vielbeschworenes Mantra, dessen ursprünglicher Gehalt längst zerquasselt wurde und das nun, da es nicht mehr existiert, von abgebrühten Zynikern in ihren Fernsehreden wie Sauerbier angepriesen wird.

Hören wir, als Kontrast zur trüben Gegenwart, einen Auszug aus dem mit scharfer aufklärerischer Feder geschriebenen Plädoyer für die Gleichheit aller Menschen, der das gesellschaftspolitische Programm des ehemaligen Sklaven, dann Aufstandsführers und Staatschefs mit den Worten umschreibt:

Warum habt ihr, o Regenten, mitten in euren Königreichen zahlreiche Armeen versammelt? Warum sind eure Paläste mit Wachen umgeben? Deswegen, weil die stets dauernde Bedrohung eurer Nachbarn, die Unterwürfigkeit eurer Völker und die Sicherheit eurer geheiligten Personen diese Vorsicht erfordern. Wer kann euch in der Ferne für die Treue eurer Untertanen stehen? […] Hier ist der Schluß des Schicksals über eure Kolonien. Entweder ihr werdet selbigen entsagen, oder sie werden euch entsagen. Denkt, daß eure Macht über den natürlichen Grenzen eurer Staaten selbst aufhört.

Toussaint Louverture ist also unzeitgemäß – wie sehr, zeigt die Einleitung des hier zur Besprechung anstehenden Buches, die allerlei von findigen Lohndenkern ausgelegte Leimruten und eingebaute Sackgassen enthält. Gewiß, der Verfasser – hochdekorierter Fellow der British Academy – muß Belesenheit demonstrieren und zeigen, daß er auf dem neuesten Stand dessen ist, was sich „wissenschaftliche Forschung“ nennt, aber im wesentlichen bezweckt diese Literaturgala vor allem eines: die „große allgemeine Verunsicherung“ des Lesers.

Wenig überraschend dabei ist, daß die zeitgenössischen französischen Autoren „Toussaint und den haitischen Revolutionären keine große intellektuelle Potenz zu[billigen]“ (p. 23). Toussaints antikoloniale Backpfeife brennt also noch immer auf der Wange – aber schwingt hier nicht eine ordentliche Portion Arroganz und diesmal tatsächlich Rassismus der postkolonialen Grande Nation mit? Um es in erkennbare Worte zu kleiden:

„Die Neger haben es nicht so mit dem Denken?“ (Und gleichzeitig würde man, Ausdruck des doppelbödigen und heuchlerischen Orwellschen double think, von der Justiz derselben Grande Nation allein wegen der Verwendung des sog. „N-Wortes“ zu einer empfindlichen Strafe verurteilt und der allgemeinen Ächtung preisgegeben werden!) Toussaint, dem Vernehmen nach gläubiger Christ, paktierte zeitweise mit dem erzreaktionären Spanien, dem Bollwerk der katholischen Restauration weltweit, für das er sogar Feldzüge führte; er verhandelte mit den Briten, die auf Jamaika in abstoßender Herrenrassen-Manier ein menschenverachtendes Sklavenregime einrichteten – war Toussaint demnach ein „konservativer Autokrat“, der es mit der Sklaverei je nachdem nicht so genau nahm (p. 19)? Oder war er gar ein „Zwangsrekrut der westlichen Moderne“ (p. 20), wie ein gewisser ekelhafter Ukrainer der Gegenwart? So ergeht schließlich mit erhobenem Zeigefinger das weltweite Verdikt eines diesmal weiblichen Lohndenkers, bloß ja nicht „irgendeine ›tatsächliche oder historisch verifizierbare Gestalt‹ aus dem Archivmaterial destillieren zu wollen“ (p. 20). Toussaint soll das in allen Farben schillernde Chamäleon bleiben, der unergründliche „Mensch in seinem Widerspruch“ mit mindestens zwei Seelen in seiner Brust. Solcherart ermahnt, wird der Leser auf die Reise durch die nächsten gut 500 Seiten geschickt. Der Band enthält allerdings genügend Material, um die eingangs aufgestellte These von Toussaint Louverture als einem der fähigsten Revolutionäre der Weltgeschichte zu „verifizieren“. Man muß die dargebotenen Fakten nur zu ordnen und in den historischen Zusammenhang einzufügen wissen.

Beginnen wir mit den Anfängen. […]

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Ketzerbriefe 258 – Flaschenpost für unangepaßte Gedanken, 80 S., € 5.-,
ISSN 0930-0503 / ISBN 978-3-89484-321-2
Im Abonnement (6 Hefte) € 37,50 inkl. Versandkosten

Inhalt

  • Was ist und was will der BgA?
  • Toussaint Louverture, oder: Die Kunst, mit dem Teufel zu tanzen
    von Peter Priskil
  • Schade, 10-Millionen-und-mehr-Schweiz!
    von Mirjam Stolz
  • Wer die Vergangenheit beherrscht… – »Fahrenheit 451« wird wahr!
    von Kerstin Steinbach
  • Dokumentation der Ärzteverfolgung und
    letzte Meldung im Fall Dr. Witzschel
  • Achtung: nächster Verfassungsbruch geplant
    von Kerstin Steinbach
  • AHRIMAN in eigener Sache
    Pressemitteilung vom Juni 2026 57
  • Der Ketzer warnt:
    Leihwagen im Urlaub – nicht nur der Spion fährt mit!
  • Die Rose und die Künstliche Intelligenz
    von Fritz Erik Hoevels
  • Citizen vigilante – und das zweierlei Zensurmaß der »FSK«
    von Beate Skalée
  • Ein Blick in die chinesische Volksküche
    von Isabelle Armand
  • »Apocalypse now« in Südbaden
    von Peter Priskil
  • Wo kämen wir hin, wenn sich das Volk
    in seine eigenen Angelegenheiten einmischt?


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Von Redaktion

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