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Leonid Mlechin (li) vom TV Sender OTB stellte Sergey Lawrow (re) sehr gute Fragen | Quelle: Screenshot OTB Video Yandex

Der wohl bedeutendste Außenminister der Gegenwart, Sergej Lawrow gab dem Russischen Öffentlichen Fernsehen OTP an seinem Geburtstag ein Interview. Sergey Lawrow führte aus, welche doktrinären Grundsätze die Außenpolitik Russlands von denen der USA und EU-Europa unterscheiden.

Sergey Lawrow: „Wir befinden uns heute in einer Phase
unserer Geschichte, die uns spiralförmig nach hinten zieht!“

Leonid Mlechin: Sergej Viktorowitsch, eine Frage, die wir schon lange stellen wollten: Wenn man von der Kunst russischer Diplomatie spricht, könnten Sie uns sagen, wie es heute dazu steht und ob es sich diesbezüglich um eine Kunst handelt?

Sergey Lawrow: Nun, die [Kunst] gibt es: Das ist bei uns in doktrinären Dokumenten festgehalten, etwa im Konzept der russischen Außenpolitik. Dort wird als Aufgabe vor allem die Wahrung unserer nationalen Interessen vorgegeben. Das berücksichtigt jedoch die Achtung der Interessen jener Länder, die bereit sind, mit uns auf gleichberechtigter, von gegenseitigem Respekt getragener Basis zusammenzuarbeiten und ein Gleichgewicht der Interessen anzustreben:

Das geht dem Westen kategorisch ab!

Dabei fällt uns besonders auf, wie die Trump-Administration offen deklarieren lässt:

  • vom Völkerrecht nichts zu halten!
  • nur eigener Moral nachzugehen!
  • nur eignen Instinkten zu folgen!

Im Fall Russlands geht es um nationale Interessen, doch mit gegenseitigem Respekt und der Befähigung zum Verständnis für die Bestrebungen und legitimen Ansätze der Gegenüber, gepaart mit Pragmatismus:

Diplomatie ist, wie jede Politik, die Kunst des Möglichen!

Leonid Mlechin: Das interessiert uns alle besonders: Die Verhandlungen finden hinter verschlossenen Türen statt. Wie läuft dieser Prozess ab? Besteht die Kunst, sich in den Partner hineinversetzen und ihn durchschauen zu können oder etwas zu tun, womit er nicht gerechnet hätte? Verraten Sie uns ein paar kleine Geheimnisse!

Sergey Lawrow: Es gibt hierzu keine allgemeingültigen Regeln, doch worin besteht die Kunst? Jede Verhandlung ist individuell. Sie hängt in hohem Maße, wenn nicht sogar entscheidend, von den Persönlichkeiten der Verhandlungspartner ab, wie gebildet diese Menschen sind und inwieweit sie über Eigenschaften verfügen, die wir in diesem Kontext besonders schätzen. Im russischen diplomatischen Dienst sind ausgezeichnete Fremdsprachenkenntnisse, Geschichtskenntnisse und Kenntnisse von jenen Ländern der Welt gefragt, in denen man stationiert und mit deren Vertretern man verhandeln würde.

Im amerikanischen diplomatischen Dienst scheinen solche Qualifikationen in der Regel nicht zwingend erforderlich zu sein. Bei uns hingegen setzte sich die Vorstellung durch, diplomatische Kräfte für die Diplomatie ausbilden zu lassen, indem man sie mit dem Land, der Geschichte, Kultur und mit den Verhältnissen der Region tief vertraut macht, um auf die diplomatischen Aufgaben entsprechend vorbereitet zu sein. Ein Auslandseinsatz, beläuft sich bei uns im Durchschnitt auf etwa fünf Jahre. Das ermöglicht den Kollegen sich einzuleben, in die Materie zu vertiefen und über eine längere Zeitspanne hinweg Ergebnisse in Form von Empfehlungen und Ideen einzubringen.

Bei den Amerikanern sind es zwei oder drei Jahre und das war es. Die Person wird dann ausgewechselt und kann beispielsweise von Indonesien in den Kongo versetzt werden und danach nach Guatemala usw. Das ist nun mal ihre Tradition und ein Merkmal ihres diplomatischen Dienstes. Wir begegnen ihnen mit Respekt.

Um Verhandlungen produktiv führen zu können, ist es natürlich sehr wichtig, das Thema zu verstehen, besonders wenn tiefgreifende Probleme, die eine 10-jährige oder sogar 100-jährige Vorgeschichte haben, diskutiert würden. In Nahost würde zum Beispiel eine selbstherrliche Vorgehensweise nach dem Prinzip „Friss Vogel oder stirb!“ niemals funktionieren können.

Leonid Mlechin: Was gerade in der Welt geschieht, glauben Sie, dass dies schon einmal vorgekommen wäre? Wiederholt sich Geschichte gleich einer Spirale, wie Marx sagte und stoßt man von Zeit zu Zeit auf solchen Wahnsinn oder ist etwas Neues über uns hereingebrochen?

Anmerkung der Redaktion: Es gibt eine Interpretation der marxistischen Theorie, wonach sich die Geschichte gleich einer Spirale fortentwickelt und ähnliche Situationen durchläuft. Doch Marx kritisierte die Vorstellung, dass sich die Geschichte in einem einfachen Kreislauf bewege. Marx glaubte, dass sich zwar Figuren und Kostüme gleich einer Spirale wiederholen können, sich die materiellen Bedingungen und Ergebnisse herum aber verändert hätten: Was erst eine Tragödie gewesen wäre, würde beim zweiten Mal zur Farce!

Sergey Lawrow: Geschichte entwickelt sich spiralförmig. Eine andere Interpretation besagt, dass sich Geschichte nur als Farce wiederhole. Nachdem sie sich wiederholt hätte, kann man das unterschiedlich betrachten. Doch die aktuelle Situation ist sehr ernst und entspricht keineswegs einer Farce. Denn trotz aller äußeren Anzeichen einer Farce, was zweifelsohne zu erkennen ist, werden die Folgen dessen, was unsere amerikanischen Kollegen – in diesem Fall gemeinsam mit den Israelis – anrichten, schwerwiegend ausfallen und noch sehr lange nachwirken.

Insgesamt finden wir uns heute in einer Phase unserer Geschichte, die uns spiralförmig nach hinten zieht, zurück in eine Welt, in der es nichts gab:

Kein Völkerrecht, weder das System von Versailles noch das von Jalta – einfach nichts!

Es entspricht einer Welt, wo die Macht des Stärkeren zählt und letztere der Wahrheit entspräche. Bei uns hingegen, wie Sie wissen, definiert sich Gott nicht als Macht, sondern als Wahrheit, um es mit den Worten eines berühmten Helden aus einem berühmten Film auszudrücken. Man sehe sich nur an, was derzeit geschieht: Die Vereinigten Staaten haben offiziell erklärt, dass ihnen niemand Vorschriften machen dürfe. Sie kümmern sich nur um ihr eigenes Wohlergehen und dieses sind sie bereit, mit allen Mitteln zu verteidigen, durch:

  • Staatsstreiche!
  • Ermordung von Führern der Länder, die über die benötigten Ressourcen verfügen!
  • Entführungen!

Wie im Fall von Venezuela oder vom Iran, machen unsere amerikanischen Kollegen kein Hehl daraus, dass es ums Öl geht. Sie verfolgen eine Doktrin der Dominanz auf den weltweiten Energiemärkten. So wurden über LUKOIL und Rosneft erste heftige Sanktionen der Trump-Administration – das war kein Erbe von Biden – verhängt.

Die Amerikaner haben Europa kategorisch von der Nord Stream Pipeline abgenabelt. Schon als Nord Stream gebaut wurde, setzten die USA sich dafür ein, dass Europa darauf verzichte. Inzwischen ist es so weit gekommen, dass Europa die Nord Stream Pipeline „entzogen“ und Deutschland gedemütigt wurde. Alle konnten das sehen!

Im Ergebnis kämpfen jetzt Ungarn und Slowaken mit aller Kraft um ihre Interessen und günstige, verfügbare Energieträger als Motor ihrer Wirtschaft erhalten zu können. Doch, man versucht sie zu nötigen, doppelt so teure Energie zu kaufen, weil man ja „Russland zu bestrafen“ habe! Doch, das bildet keine Grundlage für internationale Beziehungen:

Das ist vielmehr der Versuch eines Zurück in die Kolonialzeit!

Genau damit beschäftigt sich Europa zurzeit: Es zwingt Ungarn, Slowakei und alle anderen „Dissidenten“, einfach denen zu gehorchen, die in Brüssel das Sagen haben, ohne jemals von irgendjemandem – im Gegensatz zu den nationalen Regierungen – gewählt worden zu sein.

Europa, das fünfhundert Jahre lang mit Kolonialismus und Sklaverei die ganze Welt dominierte, versucht auch heute wieder Neokolonialismus in der Welt zu verankern. Es will nach wie vor auf Kosten anderer leben und allen anderen alles vorschreiben. Arroganz, Verachtung für alle anderen: Das quillt – entschuldigen Sie – förmlich aus den heutigen europäischen Politikern heraus, wenn immer sie anfangen, ihre Moralpredigten anzustimmen.

Die Vereinigten Staaten haben es begrüßt und begrüßen es weiterhin, dass Russland aus den europäischen Energiemärkten hinausgedrängt werde. Auch aus Serbien lässt man Russland verdrängen. Dazu leisten die Amerikaner ihren Beitrag: Joe Biden hat damit begonnen und Donald Trump bringt es zu Ende. Das ist ein offener Anspruch auf weltweite Energiedominanz – in allen Regionen.

Die Beilegung des Ukrainekonfliktes, wozu wir schon in Alaska bereit gewesen wären, lässt inzwischen unsere amerikanischen Kollegen zögern. Sie regen hingegen Zugeständnisse unsererseits an und verweisen im Gegenzug auf große gemeinsame Wirtschaftsperspektiven. Doch parallel dazu geschieht genau das, was ich eben beschrieb: Wir werden aus allen weltweiten Energiemärkten hinausgedrängt – uns bleibt dann nur noch unser eigenes Territorium übrig.

Die Amerikaner werden dann zu uns kommen, nachdem wir für eine Zusammenarbeit mit ihnen sind. Wir würden bereit sein, auf unserem Territorium für beide Seiten vorteilhafte Projekte realisieren zu lassen und den Amerikanern unter Berücksichtigung unserer Interessen das einzuräumen, was sie interessierte. Im Gegenzug müssten auch unsere Interessen außerhalb der Grenzen Russlands respektiert werden, doch davon konnten wir bisher nichts feststellen.

Aus diesem Grund stehen wir vor einer ungewöhnlichen Situation: Diese bedeutet eine Rückkehr zu einer Zeit, als es noch keine Rahmenbedingungen für internationale Beziehungen gab. Es wurde ausdrücklich kundgetan, dass die Interessen der Vereinigten Staaten Vorrang über allen internationalen Vereinbarungen hätten.

Leonid Mlechin: Ist das eine [Politiker-]Generation, die wieder abtreten dürfte oder wird diese Entwicklung anhalten?

Sergey Lawrow: Ich zähle weder zu den Astrologen noch Wahrsagern. Voraussichtlich wird vieles von den persönlichen Eigenschaften derjenigen abhängen, die an die Macht kommen werden und davon, ob die gewählten Vertreter über ihre gesamte Amtszeit von ihren Wählern Unterstützung erhielten.

Leonid Mlechin: Die russische Diplomatie war ursprünglich auf Europa als Hauptpartner ausgerichtet – dann auf die Vereinigten Staaten und jetzt auf wen?

Sergey Lawrow: Schon in den Zeiten des Russischen Reiches war uns bewusst, dass wir nur zwei Verbündete haben: Die Armee und die Flotte! Heute kommen natürlich noch die Luft- und Raumstreitkräfte, die wir nicht ignorieren wollen, dazu. Zudem haben wir neue Truppen in Form von unbemannten Fluggeräten. Wir werden also noch mehr Verbündete kriegen.

Doch die wichtigste Erkenntnis aus unserer 1000-jährigen Geschichte lautet: Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott! Das ist genauso wichtig. Man kann sich nur auf Gott verlassen, aber man darf zugleich selbst niemals nachlässig werden. Auf Verbündete und Gleichgesinnte kann man sich natürlich stützen: Man muss ihnen helfen und die Unterstützung, die sie einem gewähren, dankbar annehmen.

Mit denen, die einen mehr als einmal betrogen haben, muss man – ganz im Sinne der Bibel – ebenfalls Beziehungen unterhalten, doch ausgehend davon, dass dies nicht diejenigen sind, denen man vertrauen kann. Deshalb hat der russische Präsident mehr als einmal gesagt: „Nur die Schwachen werden geschlagen!“ Das ist eigentlich schon alles: Man muss stark sein und Russland ist ein sehr starkes Land:

 Stark im Geiste – das stärkste Land hinsichtlich natürlicher Ressourcen und seines wissenschaftlichen Potenzials!

All dies muss man in der Lage sein in Technologien, die heute höchstes Niveau erreichen würden, umzusetzen. Wie unser Präsident sagte: „Wer im Bereich der künstlichen Intelligenz führend ist, der wird auch weltweit führend sein!“

Wir möchten, dass unsere Diplomatie dazu beiträgt, die Voraussetzungen für das Erreichen genau dieser Ziele, wie sie vom russischen Präsidenten Wladimir Wladimirowitsch Putin vorgegeben wurden, zu schaffen!

Übersetzung: UNSER-MITTELEUROPA

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Von unserer Redaktion ‚Zeitgeschichte und Globalpolitik‘.
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Von Redaktion

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