Ursprünglich wollte ich titeln „zurück zum Manchester-Kapitalismus“. Aber nach kurzer Überlegung kam ich zu dem Schluss, dass es in Deutschland diese brutale Form des Kapitalismus noch nie gegeben hat. Man kann nicht dorthin zurückkehren, wo man noch nicht war. Warum wird jetzt dieser Weg beschritten?
Von PETER HAISENKO | Das British Empire war auch der Herrscher über die Finanzen der Welt und ihre Regeln. Da waren die deutschen Lande immer außen vor. Auch nach der Gründung des Deutschen Reichs war es dort anders als in England oder Amerika. Das DR wirtschaftete nach den klugen Regeln des Friedrich List und war auch deswegen erheblich erfolgreicher als die angloamerikanischen Staaten. So, wie die asiatischen „Tigerstaaten“ auch nach den List´schen Theorien ihre Wirtschaft gestalten. Auch das ist ein Grund für ihren Erfolg. Auch Hitler hat Deutschland aus den Krallen des angelsächsischen Kapitalismus gesteuert. Churchill soll gesagt haben, dass es Deutschlands Verbrechen war, dass es sich nicht mehr von diesem Kapitalismus ausbeuten ließ.
Nach dem WKII hat sich die BRD die „Soziale Marktwirtschaft“ geschaffen. Die hat so gut funktioniert, dass die westlichen Siegermächte nur unwillig zugesehen haben. Das wurde aber solange toleriert, wie die BRD ein Frontstaat gegen die UdSSR war. 1990, nach dem „Sieg des Kapitalismus“, musste für das „wiedervereinigte Deutschland“ diese erfolgreiche Soziale Marktwirtschaft Stück für Stück abgeschafft werden. Schon im Jahr 1990 wurden Gehaltstabellen nach unten erweitert und die Regeln für den Umgang mit Geld wurden sukzessive zu Gunsten des Großkapital verändert. Die Oligarchen konnten erscheinen und mit ihrer Geldmacht über die Politik herrschen. Wir sehen heute, wohin wir damit gekommen sind. Die „soziale Schere“ hat sich immer weiter geöffnet und heute „besitzen“ etwa 20 Menschen so viel, wie die Hälfte der gesamten Menschheit. Die Armut breitet sich aus.
Der Manchester-Kapitalismus steht symbolisch für die gnadenlose Ausbeutung von „Menschenmaterial“
Aber erst die Manchester-Kapitalismus geht da in die Vollen. Über Jahrzehnte erkämpfte soziale Errungenschaften sollen jetzt geschleift werden. Die Krankenvorsorge, die über 70 Jahre gut funktioniert hat, wird in ihren Grundfesten erschüttert.
- Selbst die Arbeitszeitvorschriften sollen mehr oder weniger abgeschafft werden.
- Kanzler Merz will die Karenztage bei Krankheit abschaffen. Vom ersten Tag an will er ein Attest vorlegen lassen oder gar die Lohnfortzahlung für die ersten Krankentage abschaffen.
- Allenthalben werden Löhne gekürzt und Tarifverträge umgangen.
- Ganze Konzerne werden verschachert, wechseln andauernd ihre Besitzer und all das macht die Banken noch reicher, weil diese Übernahmen weitgehend kreditfinanziert sind. Mit Geld, das es eigentlich nicht gibt. So wird der Kündigungsschutz umgangen, denn die ehemaligen Unternehmen gibt es dann nicht mehr.
- Auf der anderen Seite wuchert die Bürokratie und deren Beschäftigte derart, dass Vorhaben, die einst in wenigen Jahren erledigt wurden, wortwörtlich Jahrzehnte länger dauern oder gar nicht mehr durchgeführt werden können.
- Das Renteneintrittsalter soll auf 70 hochgeschraubt und die Renten gekürzt werden. Und die Beamten? Die bleiben dabei weitgehend außen vor.
Die BRD hatte bis 1990 beispielhafte Sozialstandards und alles funktionierte zur weitgehenden Zufriedenheit der Bürger. Die Kardinalfrage sollte gestellt werden, warum daran überhaupt etwas geändert worden ist. Die wahrscheinlichste Antwort ist, dass im jetzt „befreiten“ Kapitalismus die Gewinnmargen für die Geldmächtigen nicht ausreichten. Bis 1990, also bis zum Sieg des Kapitalismus, musste ebendieser immer beweisen, dass er das bessere System ist, für den Wohlstand der Bürger. Nachdem dieser Wettbewerb entfallen war, konnte der Kapitalismus seine hässliche Fratze schamlos zeigen. Wir lernten den „Turbokapitalismus“ kennen und dann den „Raubtierkapitalismus“. Zu allem Überfluss haben wir jetzt einen Kanzler, der bei BlackRock jahrelang eine Führungsposition innehatte. Der Verdacht könnte aufkommen, dass der mehr seinem alten Herren dient als der BRD und seinen Bürgern. Wider seinen Amtseid.
Kapitalismus + Demokratie = andauernd Krieg – intern und extern
Weltweit ist festzustellen, dass dieser entfesselte Kapitalismus die Gesellschaften zerstört. Das betrifft nicht nur das soziale Gleichgewicht, sondern auch den gesellschaftlichen Konsens. Wir sind ganz dicht an „Weimarer Verhältnissen“. Die Prognosen für die Senatswahl in Berlin sind niederschmetternd. Keine Partei wird mehr als 20 Prozent der Stimmen bekommen. Wie soll da eine Regierung gestaltet werden, die zumindest eine Mehrheit der Wähler zufriedenstellen kann? Geschweige denn überhaupt brauchbare Ergebnisse abliefern. Und dann die „Brandmauer“ gegen die AfD. Wie wir beim Bund sehen können, werden Koalitionen gebildet, die nur noch als irrsinnig bezeichnet werden können. Die Zustimmungsraten zu dieser „Regierung“ und seinem Chef zeigen das deutlich. Aber eines haben die gemeinsam: niemand stemmt sich ernsthaft gegen den Weg in den Manchester-Kapitalismus. Außer der Linken und der AfD und dann wundern die sich, dass diese zwei Parteien so großen Zulauf haben. Nein, die Deutschen wollen keinen solchen Kapitalismus, aber was schert sowas schon „Demokraten“, die eigentlich im Dienst von Kapitalisten sind?
Und dann „Unsere Demokratie“. Was für eine Demokratie soll das sein, wenn ein Kanzler und seine Regierung nicht umgehend zurücktreten, wenn sie nur noch 13 Prozent Zustimmung für ihre „Arbeit“ von den Wählern erhalten? Ist das schon ausreichend zu sagen, dass diese Regierung nicht ihrem Souverän, dem Volk, dient? Auch außenpolitisch. Die Mehrheit der Deutschen will keinen Krieg mit Russland und auch nicht weiterhin Hunderte Milliarden an Kiew geben, wo im eigenen Land das Geld an allen Ecken und Enden fehlt. Aber was nützt Geld, wenn wir Bürokraten und andere nutzlos „Studierte“ im Überfluss haben, aber zu wenig produktive Fachkräfte? Während erstere gehätschelt werden, wird letzteren das Leben immer schwerer gemacht – eben auch von diesen Bürokraten. Mittlerweile sind nur noch etwa 20 Prozent in einem produktiven Beruf tätig, während der Rest von deren Arbeit fröhlich leben kann.
Die Führer tragen keine Verantwortung für ihr Treiben
Damit das so weiterlaufen kann, müssen die Produktiven zu immer mehr Arbeit gepresst werden. Dafür gibt es nur einen Weg, nämlich der in den Manchester-Kapitalismus. So, wie es damals war, ist es auch heute. Eine privilegierte „Klasse“ labt sich an der Arbeit derjenigen, die zu immer mehr nützlicher Arbeit gepresst werden. Die Geschichte hat gezeigt, dass das früher oder später zu Aufruhr und Aufständen führen muss. Die waren dann auch schon mal blutig. Diese Zustände haben zur Erfindung des Kommunismus geführt und zu dessen Erfolg. Der Witz daran ist allerdings, dass sich Kapitalismus und Kommunismus nicht wirklich unterscheiden. In beiden gibt es eine privilegierte „Nomenklatura“ und zu viele, die in Armut leben müssen. Der Kommunismus ist weitgehend verschwunden und so wird es auch dem brutalen Kapitalismus ergehen. Früher oder später, aber es wird kommen.
Die BRD, der gesamte Westen, befindet sich in einem Endzeitszenario. Gedankenlos wird mit irrsinnigen Krediten versucht, das böse Ende hinauszuzögern. Aber auch das ist endlich. Was bleibt, um das eigene Versagen zu verschleiern? Krieg, was sonst, und der Weg dorthin wird immer kürzer. Schuld daran ist nicht etwa die Regierung, sondern die dummen Wähler, die diesen Hasardeur-Regierungen gedankenlos ihre Stimme geben. Ja, das ist „unsere Demokratie“, in der niemand mehr Verantwortung für irgendwas übernehmen muss. Ja nicht einmal zur Verantwortung gezogen werden kann, weil ja alles streng nach Vorschrift abgearbeitet wird. Sind Sie es nicht auch Leid, immer wieder mit denselben „Argumenten“ abgespeist zu werden, die da lauten: Das ist unsere Vorschrift, so steht es im Gesetz, da kann man nichts machen. Und genauso ist es mit dem Weg in den Manchester-Kapitalismus. Alles läuft nach gültigem Gesetz und ist natürlich demokratisch abgesegnet. Da bleibt nur noch die Frage: Wie kann dieser Irrweg beendet werden? Unblutig und ohne Krieg! Das wollen die Bürger, aber wollen das auch die uns „Regierenden“? Ich halte diese Frage für berechtigt.

Zum Autor:
Peter Haisenko ist Schriftsteller, Inhaber des Anderwelt-Verlages und Herausgeber von AnderweltOnline.com
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