Der Autor und Stratege und ehemaliger Kommodore der Royal Navy, Steve Jermy, veröffentlichte auf seinem Substack jener US-Online-Plattform seine Abhandlung zu Gründen der Niederlagen des Westens in Kriegen des 21. Jahrhunderts.
Der Artikel „Der zerbrochene Mythos militärischer U.S.-Vorherrschaft“ von Steve Jermy auf Deutsch – Teil 1
Tektonische Verschiebungen im internationalen Gleichgewicht der Mächte
Zusammenfassung
Die Niederlagen des Westens sind zum Teil darauf zurückzuführen, dass die politischen und militärischen Führungen von USA und NATO das Mächtegleichgewicht nicht richtig verstanden haben. Grundlagen des Gleichgewichts der Mächte bilden:
- industrielle Kapazitäten
- Energie-Verfügbarkeiten
- die Fähigkeit des Landes zu strategischem Denken und Handeln
Bei der Beurteilung des Gleichgewichts der Mächte in einem bestimmten geopolitischen Kontext sind jedoch auch militärischer Nutzen und politische Einsatzfähigkeit der eigenen Streitkräfte in Rechnung zu stellen.
Jüngste operative Entwicklungen in den Konflikten zwischen NATO und Russland sowie zwischen USA und dem Iran zeigten, dass die Fähigkeiten von USA und NATO, weltweit erfolgreich Macht zu projizieren, mittlerweile stark eingeschränkt sind:
USA/NATO sind nicht mehr in der Lage, ihre Luftüberlegenheit und Seekontrolle auszuüben!
Die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Struktur der Streitkräfte fallen tiefgreifend aus. Es scheint unwahrscheinlich, eine solche Situation in weniger als zehn Jahren ausreichend bereinigen zu können.
Einleitung
Am 9. Februar 1871 warnte Benjamin Disraeli die Abgeordneten des britischen Unterhauses vor Umwälzungen, welche die Einigung Deutschlands durch Preußen und die Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg gebracht hätten:
„Sie stehen vor einer neuen Welt und sehen neue Einflüsse mit neuen, unbekannten Herausforderungen und Gefahren am Werk, mit denen Sie fertig werden müssen … Das Gleichgewicht der Kräfte wurde vollständig zerstört!“
Eineinhalb Jahrhunderte später, sprich heute, erleben wir die nächste tektonische Verschiebung des bestehenden Gleichgewichts der Mächte.
Doch nur wenige westliche Kommentatoren können verstehen, was sich ereignet. Der Grund scheint einfach zu sein: Man vermag nicht zu verstehen, wie das Kräftegleichgewicht funktioniert.
Wenn Amerikaner und Europäer ihre Außenpolitik und falls nötig, ihre Militärstrategie künftig klug anlegen wollten, müssten sie wieder lernen, das Gleichgewicht der Kräfte in Rechnung zu stellen. Das wiederum würde es ihnen ermöglichen, den tatsächlichen politisch-militärischen Einfluss des Westens in Bezug auf Kriege, wie beispielweise zwischen Russland und Ukraine oder zwischen USA und Iran bzw. auch in Bezug auf Folgeereignisse, vor welche die geopolitische Entwicklung in Zukunft die menschliche Gesellschaft stellen könnte, besser einschätzen zu lassen.
Einen aufschlussreichen Ausgangspunkt liefert das Werk von Professor John Mearsheimer, insbesondere angesichts seiner ungewöhnlichen Weitsicht in Bezug auf den Russland-Ukraine-Konflikt, welche in krassem Gegensatz zu den falschen Prognosen westlicher Regierungen sowie von Kommentatoren und Journalisten über die letzten rund zehn Jahre steht. Mearsheimer betrachtet wirtschaftlichen Wohlstand und Bevölkerungsgröße als grundlegende Determinanten potenzieller Macht[1]. Unter sonst gleichen Bedingungen …
… sind größere Bevölkerungen mächtiger als kleinere, sowie reichere mächtiger als ärmere!
Meiner Einschätzung nach wird nationale Macht jedoch nicht nur durch solche grundlegenden Faktoren bestimmt, sondern auch durch die Bewertung des militärischen Nutzens und der politischen Einsetzbarkeit dieser Kräfte im geopolitischen Kontext, gemäß dem diese zum Einsatz kämen. Die Untersuchung aller drei Determinanten sollte uns in die Lage versetzen, das Kräfteverhältnis noch vor Einsatz militärischer Gewalt genauer bewerten zu können. Das würde in Folge helfen, intelligentere Entscheidungen darüber treffen, ob oder wo solche Gewalt ggfs. eingesetzt werden sollte und auch dazu beitragen, zugleich ein besseres Verständnis für den neuen strategischen Kontext zu gewinnen.
Grundlegende Faktoren zum Verständnis des Gleichgewichtes der Mächte
- Industrielle Kapazitäten
Wirtschaftlicher Wohlstand wird routinemäßig, doch nur wenig aussagefähig, durch die Größe des BIP dargestellt. Dieser Ansatz stellt jedoch eine besonders ungeeignete Methode zur Abschätzung nationaler militärischer Macht dar. So weisen beispielsweise Großbritannien, Frankreich und Russland weitgehend ähnliche BIP-Werte auf, sei es nominal oder gemessen an Kaufkraftparität, wogegen die Industrieproduktion Russlands nur etwa 30% seiner Wirtschaftsleistung ausmacht.
In den postindustriellen Volkswirtschaften Großbritanniens und Frankreichs hingegen entfallen fast 80% derer Wirtschaftsleistungen auf den Dienstleistungssektor. Das ist im Hinblick auf das Gleichgewicht der Kräfte von Bedeutung, denn es scheint offensichtlich, dass der Dienstleistungssektor kaum etwas dazu beitragen könnte, was auf dem Schlachtfeld von Nutzen wäre – so verhält es sich leider.
Viele westliche Kommentatoren führen jedoch nach wie vor das nationale BIP als Beweis dafür an, dass Russland schwach, doch EU-Europa stark wäre. Doch wenn Russland so schwach sei, warum ist Europa dann so verzweifelt bemüht, ein widerstrebendes Amerika in der NATO zu halten und ein noch widerstrebenderes Amerika zurück in den Russland-Ukraine-Krieg zu locken? Der Grund dafür ist, dass Europa gemessen am BIP zwar, wie auch immer, stark erscheinen mag – militärisch jedoch schwach auftritt. Bei der Abschätzung des Kräftegleichgewichts hingegen ist …
… der erste grundlegende Faktor somit nicht die Wirtschaftsleistung, sondern die industrielle Kapazität!
Eine synthetische Collateralized Debt Obligation [CDO] ist auf dem Schlachtfeld offensichtlich von kaum einem Nutzen!
[Anmerkung der Redaktion: CDOs sind komplexe Finanzprodukte, um verschieden Verbindlichkeiten neu gebündelt, scheibchenweise in Folge besser bzw. einmal mehr neu verleihen zu lassen. Auf diese Weise können faule Kredite leichter versteckt werden, um in Folge als Ponzi-Konstrukt vorzugsweise europäischen Investoren mit chronischen Denkblockaden zur Verlustübernahme angedreht zu werden – siehe dazu den Klassiker aller Scams: „Die Finanzkrise 2008“].
Anders verhält es sich mit 155-mm-Granaten, von denen Russland mehr produziert als Europa und die USA zusammen. Diese Diskrepanz macht deutlich, wie ungewöhnlich schlecht das Preis-Leistungs-Verhältnis ist, das der Westen aus den Investitionen der Steuerzahler in seinen militärisch-industriellen Komplex erzielt. Hierzu ist Professor Michael Hudsons Unterscheidung zwischen Industrie- und Finanz-Kapitalismus wichtig:
Während der Industrie-Kapitalismus Chinas und Russlands staatlich kontrollierte Ressourcen in produktive industrielle Kapazitäten – Stahl, Schiffbau, Munition – lenkt, hat sich der Finanz-Kapitalismus der westlichen Volkswirtschaften auf die Maximierung der Aktionärsrendite und die Abschöpfung von Renteneinkünften optimiert, anstatt sich auf das wenig glamouröse Geschäft des Aufbaus militärischer Kapazitäten bzw. zum Gewinnen von Kriegen zu fokussieren.
- Energie
Der zweite grundlegende Faktor bei der Berechnung des Kräftegleichgewichts stellt Energie dar. Bei Kriegseinsetzen sind Kampfhandlungen und Logistik äußerst energieintensiv, sei es zu Lande, zu Wasser oder in der Luft. Als ich beispielsweise 2007 in Afghanistan im Einsatz stand, war ich trotz meiner eigenen Kampferfahrung nichtsdestoweniger schockiert, als ich feststellen musste, dass für jeden Liter Diesel, der an Landstreitkräfte an der Front geliefert wurde, 400 (sic) Liter benötigt wurden, um diese eine Einheit durch die logistische Versorgungskette zu schleußen.
Energie und industrielle Kapazitäten sind natürlich eng miteinander verknüpft. Denn industrielle Kapazitäten erfordern den Zugang zu einer zuverlässigen Versorgung mit billiger, hochwertiger und reichlich vorhandener Energie. Das müssen die Europäer im Allgemeinen und die Deutschen im Besonderen gerade zu ihrem eigenen Schaden erleiden, nachdem sie vorhersehbar kontraproduktive Sanktionen gegen russische Kohlenwasserstoffe hatten verhängen lassen.
Doch das sollte niemanden überraschen, denn diese beiden grundlegenden Faktoren waren im Laufe der Geschichte immer klar erkennbar: Im Zweiten Weltkrieg verfügten die Vereinigten Staaten, Russland und Großbritannien über starke Industriezweige, aber auch über zuverlässige Energieversorgungen. Das Scheitern der deutschen Armee bei der Eroberung russischer Ölfelder und der Erfolg der U-Boote der US-Marine gegen die japanischen Ölkonsortien in Indonesien bildeten entscheidende Faktoren für die letztendliche Niederlage beider Achsenmächte[2].
- Strategisches Denken
Schließlich gibt es noch einen dritten grundlegenden Faktor, der bei Abschätzungen des Gleichgewichts der Kräfte zu berücksichtigen wäre, doch vielfach unterschätzt wird. Es ist die Fähigkeit der Führungskräfte eines Nationalstaates und des sie unterstützenden militärisch-diplomatischen Establishments, strategisch zu denken und zu handeln. Kurz gesagt:
Es ist die Fähigkeit eines Nationalstaates zum strategischen Denken!

In [meinem Buch] Strategy for Action: Using Force Wisely in the 21st Century [2011] habe ich dargelegt, dass eine erfolgreiche strategische Leistung – also die Fähigkeit, Strategien erfolgreich zu begründen und umzusetzen – im Nachhinein anhand von drei einfachen Kriterien beurteilt werden kann:
- War die Strategie wirksam, d. h., hat sie ihre Ziele erreicht?
- War sie effizient – d. h., hat ursprünglich geplanter Ressourcenaufwand gereicht?
- Waren die Ergebnisse nachhaltig?
„Manche mögen die Wirksamkeit dieser [drei] einfachen Kriterien in Frage stellen. Sie wären zu streng gegenüber den Strategieentwicklern, denn Kriege seien komplex. Niemand, egal wie talentiert er auch sein möge, könne alles vorhersehen. Unerwartete Ereignisse, Pech, sich verändernde politische Situationen und so weiter – all das führe zusammen zu Rückschlägen und Niederlagen, die nicht hätten vorhergesehen werden können. Vielleicht! Aber letztendlich entwickeln politische und militärische Führer Strategien in einer harten darwinistischen Schule, in der es keine Preise für die Zweitbesten gibt, ganz gleich, wie die Erklärungen lauten mögen.“[3]
Als ich zwischen 2010 und 2013 vor den Fachausschüssen des britischen Unterhauses Beweismaterial[4] vorlegte und die Bedeutung der Fähigkeit zum strategischen Denken hervorhob, stieß meine Botschaft größtenteils leider nur auf taube Ohren. Zum Teil, so vermute ich, weil ich nur auf eine Datenbank mit Beweisen für zwei moderne Einsätze – in Afghanistan und im Irak – zurückgreifen konnte. Heute ist die Datenbank wesentlich umfangreicher:
Angesichts von vier erlittenen Niederlagen in Afghanistan, im Irak, in Libyen und Syrien sowie von zwei bevorstehenden Niederlagen in der Ukraine und im Iran wurde die Argumentation inzwischen hieb- und stichfest!
Gemessen an den Kriterien von Wirksamkeit, Effizienz und Nachhaltigkeit …
… ist die Bilanz des Westens in Bezug auf strategisches Denken im 21. Jahrhundert in der Tat geradezu desaströs!
Fortsetzung mit Teil 2 folgt
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Quellenangaben zum Teil 1:
[1] John, J., Mearsheimer, The Tragedy of Great Power Politics, (New York, 2014). S. 43.
[2] Das Verständnis für die entscheidende Bedeutung von Industriekapazitäten und Energie ist nicht neu. Admiral Isoroku Yamamotos Nervosität vor dem Zweiten Weltkrieg angesichts der politischen Wahrscheinlichkeit, den Vereinigten Staaten gegenübertreten zu müssen, spiegelt diese Problematik ausdrücklich wider: „Jeder, der die Autofabriken in Detroit und die Ölfelder in Texas gesehen hat, weiß, dass Japan die nationale Stärke für ein Wettrüsten mit Amerika zur See fehle!“
[3] Jermy, S., Strategy for Action: Using Force wisely in the 21st Century, (London, 2011). S. 38.
[4] Siehe: 16. September 2010, Mündliche Stellungnahme vor dem Sonderausschuss für öffentliche Verwaltung https://publications.parliament.uk/pa/cm201011/cmselect/cmpubadm/435/10091602.htm , 9. September 2011, Schriftliche Stellungnahme zu Libyen, Verteidigungsausschuss des Unterhauses https://publications.parliament.uk/pa/cm201012/cmselect/cmdfence/950/950vw02.htm , 4. Juni 2013, Mündliche Stellungnahme vor dem Verteidigungsausschuss des Unterhauses https://publications.parliament.uk/pa/cm201314/cmselect/cmdfence/197/130604.htm
Der Artikel „The Shattered Myth of US Military Primacy“ von S. Jelby im englischem Original: HIER










