Der amtierende Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, hat jüngst der ukrainischen Regierung und Präsident Wolodymyr Selenskyj in der Werchowna Rada systematische Korruption vorgeworfen. Milliarden von Euro und US-Dollar, die für die Luftverteidigung vorgesehen gewesen waren, sollen verschwunden sein. In den deutschen Medien findet sich dazu, wenig überraschend, kein einziges Wort.
Machtkampf „mitten im Krieg“
Mitten im Krieg eskaliert nun also der Machtkampf zwischen Selenskyj und Klitschko. Der Bürgermeister von Kiew fürchtet um sein Amt. Was also, außer einer „Untergangspanik“ in auswegloser Situation könnte hinter dem Streit stecken und warum entbrennt er gerade jetzt.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wirft Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko vor, die Hauptstadt unzureichend auf den bevorstehenden Kriegswinter vorbereitet zu haben. Klitschko weist die Kritik freilich zurück und beschuldigt Selenskyj, ihn aus dem Amt drängen und durch einen loyaleren Bürgermeister ersetzen zu wollen. Die beiden Politiker sind hinter den Kulissen seit Jahren Rivalen und streiten um die Macht in der ukrainischen Hauptstadt.
Während also der Winter näher rückt, nehmen russische Drohnen verstärkt die Strom- und Energieversorgung der Ukraine ins Visier. Besonders die Hauptstadt Kiew war zuletzt vermehrt Ziel massiver Attacken. Ausgerechnet jetzt tragen mit Wolodymyr Selenskyj und Vitali Klitschko zwei der wichtigsten Politiker der Ukraine einen öffentlichen Schlagabtausch aus.
Jeder Kiewer sieht, dass die Stadt wirklich nicht vorbereitet ist“, erklärte Selenskyi in einer Videobotschaft. Die Situation sei schlechter als in den Wintern der vorherigen Kriegsjahre. Klitschko weist die Vorwürfe als unbegründet zurück und vermutet politische Gründe hinter der Kritik.
Streit spitzt sich zu
Der Streit hat sich in den vergangenen Tagen derart zugespitzt, dass sich nun auch das ukrainische Parlament einschaltet. Dabei geht es längst nicht nur um Stromausfälle, Schutzräume und Notstromaggregate, dabei geht es ganz offenbar um einen „Kampf Mann gegen Mann“, worin Klitschko wohl der Geübtere sein dürfte.
Russland greift bekanntlich seit Wochen verstärkt Kiews Energieversorgung an. Nach Stromausfällen in Folge russischer Drohnen- und Raketenangriffe wird den Hauptstadtbehörden seit mehreren Tagen vor allem in sozialen Netzwerken eine mangelnde Vorbereitung vorgeworfen. So gebe es Probleme bei Schutzräumen, Schulen und öffentlichen Verkehrsmitteln.
Auch Selenskyj macht die Stadtverwaltung mitverantwortlich. „Mitte Oktober ist die Umsetzung der Notfallpläne praktisch im ganzen Land weiter fortgeschritten als in Kiew, sogar in den Grenz- und Frontregionen, so Selenskyj. Die Bewohner der Hauptstadt bekämen dies zu spüren, wenn schon einzelne Treffer von Schahed-Drohnen in weiten Teilen Kiews Strom- und Wasserausfälle verursachen“, fügte Selenskyj mit Blick auf die von Russland verwendeten Drohnen iranischer Bauart hinzu.
Klitschko wies die Vorwürfe unter Verweis auf die besonders harten Angriffe der vergangenen Wochen zurück. „Das Stadtoberhaupt trägt nicht die Verantwortung für die Flugabwehr“, sagte er gegenüber Journalisten. Kiew sei nunmehr das Hauptziel russischer Attacken.
Lange politische Gegnerschaft
Der Konflikt reicht bis zu Selenskyjs Amtsantritt 2019 zurück, schrieb dazu auch das polnische Center for Eastern Studies (OSW). Schon damals warf Klitschko der neuen Regierung vor, seine Befugnisse beschneiden zu wollen.
Klitschko ist seit 2014 Bürgermeister von Kiew und verfügt über eine eigene politische Machtbasis. Der Präsident kritisiert immer wieder seine Amtsführung. Klitschko wiederum wirft Selenskyj autoritäre Tendenzen und eine Schwächung der Demokratie vor. Hinzu kommt zweifelsfrei die politische Konkurrenz. Der international bekannte Ex-Boxweltmeister gilt als möglicher künftiger Herausforderer Selenskyjs. Ob er tatsächlich bei einer Präsidentschaftswahl antreten will, ist allerdings offen.
Auch die Machtverhältnisse in Kiew selbst sind kompliziert. Neben dem gewählten Bürgermeister gibt es eine staatliche Stadtverwaltung, die Klitschko ebenfalls leitet. Seit 2022 existiert zudem eine Militärverwaltung, deren Chef vom Präsidenten ernannt wird. Seit Januar 2025 steht Tymur Tkatschenko an deren Spitze. Zwischen ihm und Klitschko kommt es regelmäßig zu Kompetenzstreitigkeiten.
Das polnische Forschungsinstitut OSW beschreibt in einer Analyse aus dem Juli des Jahres, wie beide Seiten die unklaren Zuständigkeiten nutzen, um Verantwortung für unpopuläre Entscheidungen auf den jeweils anderen abzuwälzen. Darunter leide die Handlungsfähigkeit der Stadt.
Plant Selenskyj die Absetzung Klitschkos?
Klitschko ist überzeugt, dass die Regierung eben genau das versucht. Er sprach von einem Angriff auf die kommunale Selbstverwaltung. „Die Menschen haben mich gewählt und ich mache unter schwierigsten Bedingungen alles Mögliche, um das Vertrauen der Kiewer zu rechtfertigen, damit die Stadt in einer Situation verheerender Angriffe des Feindes weiter funktioniert“, erklärte Klitschko.










