Dimitri Medwedew geht auf diverse Abarten neokolonialer Praktiken ein, die von verschiedenen Formen des wirtschaftlichen Neo-Kolonialismus bis hin zu Mitteln der Durchsetzung durch Ideologisierung reichen können.
„Die Zeit der Metropolen ist vorbei“ – von Dmitri Medwedew in deutscher Übersetzung – Teil 3
Von Dmitri Medwedew | Um seine geopolitische Präsenz in verschiedenen Regionen der Welt zu sichern, nutzt der Westen aktiv Mechanismen des „Neokolonialismus durch Verschuldung“. Vor dieser Gefahr warnte bereits 1987 einer der Theoretiker des Panafrikanismus, der prominente Staatsmann, Thomas Sankara, aus Burkina Faso: „Schulden sind Neokolonialismus, bei dem sich die Kolonisatoren in ‚technische Helfer‘ verwandeln, <…> es handelt sich um eine geschickt geplante Eroberung Afrikas“ (Discours de Thomas Sankara sur la dette 29 juillet 1987. YouTube. URL: https://www.youtube.com/watch?v=WFaUaatu8T8).
Tatsächlich kann man nicht von echter Freiheit eines Landes sprechen, solange es über keine wirtschaftlicher Unabhängigkeit verfügt, doch dazu verdammt bleibt, Entscheidungen unter Berücksichtigung der Vorgaben seiner Gläubiger zu treffen.
Die Neo-Metropolen über die vor allem von ihnen kontrollierten Finanzinstitute nutzen die schwierige sozioökonomische Lage vieler Staaten des Globalen Südens aktiv für ihre eigenen Zwecke aus, um diese dazu zu bewegen, …
… Kredite zu Zinssätzen aufzunehmen, die im Vergleich zu den Ländern der „Goldenen Milliarde“ weit überzogen sind!
Nach Angaben der Globalen-Krisen-Einsatz-Gruppe der UN für die Bereiche Ernährung, Energie und Finanzen beläuft sich die Schuldenbelastung durchschnittlich auf:
– 6,5% für die Länder Asiens und Ozeaniens!
– 7,7% für Lateinamerika und die Karibik!
– 11,6% für Afrika!
Hingegen liegen die entsprechenden Zinssätze für Deutschland bei 1,5% und für die USA bei 3,1% (A world of debt. UN Global Crisis Response Group. Juli 2023., S. 10 URL: https://www.unctad.org/publication/world-of-debt).
Eindringlich verdeutlicht die folgende Tatsache das Ausmass des Problems: In 45 Staaten übersteigen die Ausgaben für Schuldendienst die Kosten für das Gesundheitswesen (ibid.). Mit anderen Worten: Viele Nationen müssen die Gewährleistung eines angemessenen Lebensstandards für ihre Bürger und deren Zukunft opfern, …
… um die Bedürfnisse rücksichtsloser Wucherer zu befriediegen!
Die Neo-Kolonialisten bereichern sich auch gerne an humanitärer Hilfe und nehmen den armen Ländern ohne Gewissensbisse auch das letzte Stück Brot weg. Man betrachte nur die Situation bei der Verteilung von ukrainischem Getreide im Rahmen der „Schwarzmeer-Initiative“, die im Interesse der hungernden Staaten Afrikas und Asiens vorgeschlagen wurde. Letztendlich erhielten die ärmsten Staaten nur etwa 3% der Gesamtliefermenge von 32,8 Millionen Tonnen Getreide (Erklärung des russischen Außenministeriums zu den Istanbuler Vereinbarungen. 17. Juli 2023. URL: https://www.mid.ru/ru/foreign_policy/news/1897157).
Doch die Neo-Metropolen wollen sich mit dem bisher Erreichten nicht zufrieden geben. Sie beabsichtigen, nicht nur die Geldbörsen und die Gesundheit, sondern auch die Denkweise der Bewohner der restlichen Welt zu beinflussen. Leider greifen sie dabei auf den über Jahrhunderte gewachsenen Kanon moralischer Normen und Verhaltensregeln zurück, indem …
… auch Weltreligionen unter die Walze der Perversion geraten!
Washington und seine Satelliten unternehmen erhebliche Anstrengungen, um die Grundelemente des Christentums und des Islam nach ihrem Interesse umzuformatieren, im unter dem Deckmantel „modernisierter Lehren“ in Folge der ganzen Welt aufzudrängen. Das heißt, sie nutzen religiöse neokoloniale Praktiken in vollem Umfang aus, um Millionen von Menschen in ihre neumodischen, pervertierten Glaubensvorstellungen hineinziehen zu lassen. Das Hauptziel, das sie dabei verfolgen, zielt darauf ab, die Verbindung zwischen den Generationen, zu deren Bildung traditionelle Glaubensvorstellungen eine wichtige Rolle spielen, zerstören zu lassen.
Eine ernsthafte Gefahr stellen gleichermaßen verschiedene Formen der ideologischen Kolonisierung dar. Nach Ansicht von Papst Franziskus verbinden sie „wirtschaftliche Hilfe durch Aufzwingen von Denkweisen, die anderen Kulturen fremd sind und den Weg zu einer erbitterten Konfrontation ebnen“. Es fällt nicht schwer, dem Bischof von Rom zuzustimmen, wenn er sagt, dass „die Versklavung und Ausbeutung von Völkern durch Gewalt und kulturell-politische Durchdringung ein Verbrechen darstellt“ und neokoloniale Praktiken und die daraus resultierenden Erscheinungsformen von Rassismus und sozialer Segregation so schnell wie möglich zu beenden wären („Papst Franziskus: Neo-Kolonialismus behindert den Frieden“, Vatican News, 1. April 2023).
Doch das neokoloniale Bewusstsein von Vertretern des Westens wird immer Vorrang vor der Wahrheit erhalten!
Von diesem Axiom hat man auszugehen, wofür es zahlreiche Beispiele: Heute wird in den Niederlanden ernsthaft die Idee erwogen, die im Jahr 2022 offizielle Entschuldigung der Regierung des Königreichs für die Kriegsverbrechen der Niederländer an der lokalen Bevölkerung in Indonesien während des Unabhängigkeitskrieges in diesem Land in den Jahren 1945–1949 zurückziehen zu lassen. Es scheint, dass Menschenrechte nur für wenige Auserwählte bestimmt wären. Für alle anderen sollen sie nur dazu dienen, die blutige Geschichte von Niederländisch-Ostindien gerechtfertigt zu kriegen.
Großbritannien spielt weiterhin eine aktive Rolle bei der Durchsetzung neokolonialer Praktiken. Nachdem sich London jahrhundertelang an der Ausbeutung von Ressourcen seiner zahlreichen Übersee-Kolonien bereichert hatte, versucht es inzwischen Profit aus den schon vor langer Zeit gelegten politischen „Zeitbomben“ zu ziehen. Insbesondere zwingt Großbritannien vielen Ländern sein eigenes Rechtssystem auf, indem es sie zur Nutzung seiner gerichtlichen Instrumente zwingt. Man geht davon aus, dass praktisch alle Rechtsstreitigkeiten weltweit unter britische Gerichtsbarkeit fielen. Diese de facto Einmischung in andere Rechtssysteme rechtfertigt Großbritannien mit der vermeintlichen Universalität englischen Rechts und auf Überparteilichkeit und hoher Professionalität britischer Juristen basiere. Das liegt natürlich meilenweit von der Wahrheit entfernt. Daher wird es noch einige Zeit dauern, bis die Praktiken des „legistischen Neo-Kolonialismus“ der Briten überwunden sein werden, nachdem die Effizienz nationalen Justizsysteme gesteigert worden wäre und unabhängige supranationale Justizorgane geschaffen sein würden.
Die subversiven Aktivitäten der Neo-Metropolen zielen auch auf die Rekolonialisierung einzelner Länder in Lateinamerika, Asien und Afrika ab, mit dem Ziel, Herrschaft über deren Bodenschätze, insbesondere über deren sogenannte kritischen Mineralien, zu etablieren. Im Fokus steht der ungehinderte Zugang zu Vorkommen von Lithium, Graphit, Nickel, Kobalt und Seltenerdmetallen, die für den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Energiewirtschaft so essentiell sind. Unter dem Deckmantel des Umweltschutzes und Kampfes gegen den Klimawandel werden de facto Narrative des „grünen/klimatischen Neokolonialismus“ vorangetrieben, die dem „kollektiven Westen“ zugutekommen. Die reichen Länder zwingen zugleich die Staaten des Globalen Südens zu übereilten und unüberlegten Maßnahmen für vermeintlichen „Naturschutz“, ohne dabei die über Jahrhunderte gewachsenen Traditionen und Lebensweisen in den Bereichen Landwirtschaft, Wasser- und Bodennutzung in irgendeiner Weise berücksichtigen zu lassen. Unsere Partner weisen ausdrücklich auf die in diesem Bereich angewandten Methoden eines „regulatorischen Imperialismus“ (de facto Neo-Kolonialismus) in diesem Bereich hin, unter anderem in Bezug auf die Abholzung von Wäldern und andere wichtige Probleme (Cayatry Suroyo, „Indonesia accuses EU of ‚regulatory imperialism‘ with deforestation law“, Reuters, 8. Juni 2023).
Um ihre „elitäre“ – bzw. parasitäre Existenz., um es beim Namen zu nennen, …
… zu sichern, schreckt die selbsternannte „goldene Milliarde“ vor nichts zurück!
Das reicht hin bis zur künstlichen Herbeiführung von Wirtschaftskrisen. Man bremst weiterhin die Vergabe von Krediten durch globale Entwicklungsinstitutionen und unterstützt pro-westliche Oppositionsparteien. Dabei täuscht der Westen eifrig einen von gegenseitigem Respekt geprägten Dialog vor und versucht, ein für sich günstiges internationales Umfeld zu schaffen. Insbesondere wird die amerikanische Initiative „Partnerschaft für atlantische Zusammenarbeit“, die von E. Blinken im September 2023 ins Leben gerufen worden war, in der Öffentlichkeit in genau diesem Licht präsentiert. Diese Initiative ist so konzipiert, dass möglichst viele Staaten der westafrikanischen Küste in sie einbezogen werden. Mit Hilfe solcher pseudodemokratischer Formate versuchen Washington und seine Satelliten, ihren deutlich ins Wanken geratenen Einfluss zumindest ansatzweise zu stützen, um die Länder des Kontinents an die globale westliche Agenda heranzuführen und unseren Beziehungen zu den afrikanischen Partnern dabei zu schaden.
Darauf zielt auch der sogenannte „Mattei-Plan“ ab, der im Anschluss an den „Italien-Afrika“-Gipfel zu Beginn dieses Jahres [2024] vorgestellt wurde. Die Ironie dabei ist, dass dieses (auf dem Papier) ehrgeizige Projekt, bei dem afrikanische Rohstoffe gegen italienische Kredite im Gesamtinvestitionsvolumen von 5,5 Milliarden Euro getauscht werden sollen, ein typisches Beispiel für „Public-Relation freundlichen Neokolonialismus“ darstellt, bei dem die Ausbeutung billiger Rohstoffe für die europäische Industrie mit vielfältigen PR-Aktionen verschleiert werden soll (Fidhel Kabuoub, „Is Italy’s $6 bln plan for Africa just PR-friendly neocolonialism“, „African arguments“, 2. Februar 2024). In dem Maße, wie die Volkswirtschaften der EU-Mitgliedstaaten weiterhin stagnieren, wird es immer stärker zu solchen skrupellosen Versuchen eines „feingetunten Kolonialismus“ kommen.
Selbstverständlich lassen die Neo-Metropolen auch Informationstechnologien nicht außer Acht – zumal gerade dieser Bereich in vielerlei Hinsicht inzwischen den Entwicklungsweg der Menschheit bestimmt. Die Planziele der Neo-Kolonialisten geben sich diesbezüglich nicht besonders originell, um
– das „digitale Gefälle“ zwischen sich und dem Rest der Welt auszuweiten und das Monopol der eigenen IT-Konzerne zu festigen!
– denjenigen, deren Ansichten den pro-westlichen Einstellungen widersprechen, die Stimme entziehen zu lassen!
Opfer solcher Zensur wurden z.B. bereits Raúl Castro und Ali Khamenei. Ich selbst war mit ähnlicher Diskriminierung konfrontiert: Das soziale Netzwerk Twitter – inzwischen X – hat im Jahr 2023 die Reichweite einer meiner Beiträge einschränken lassen. Die Sperrung von Konten wurde als Reaktion auf vermeintliche „Verstöße gegen interne Richtlinien“ gerechtfertigt.
Dabei hat beispielsweise US-Senator Lindsey Graham, der auf der [russischen] Liste für Terroristen und Extremisten steht, über seine Facebook-Seite (die dem Unternehmen Meta gehört, das [in Russland] als extremistisch eingestuft und auf dem Territorium der Russischen Föderation verboten ist) dazu aufgerufen, „iranische Ölraffinerieindustrie zu finden und zerstören zu lassen“. Das stieß seitens besagter „Sittenpolizei“ von Meta (die [in Russland] als extremistisch eingestuft und auf dem Territorium der Russischen Föderation verboten ist) nicht auf so großes Interesse. Ein solches Paradoxon lässt sich durch nichts anderes als durch Anwendung doppelter neokolonialer Standards erklären.
Fortsetzung Teil 4 zum Medwedew-Artikel, “Die Zeit der Metropolen ist vorbei”, folgt.
Übersetzung: UNSER-MITTELEUROPA
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Teil 1 mit Andrey Klimow zu “Europa” ohne Kolonialismus: Auf keinen Fall!: HIER
https://www.unser-mitteleuropa.com/199068
Teil 2 zum Medwedew-Artikel, “Die Zeit der Metropolen ist vorbei”: HIER
https://www.unser-mitteleuropa.com/199290









