Im dritten und letzten Teil der Serie, schildet Emmanuel Todd, wie der Zusammenbruch der USA Russland die besondere Verantwortung überträgt, für das künftige neue globale Gleichgewicht einzustehen.
Emmanuel Todd über die Vergötterung der Leere
mit dem Drang zu Krieg und Zerstörung – Teil 3
[…]
Niederlage und kulturelle Krise
Meine Erfahrung zum Fall des Kommunismus hat mir, wie gesagt, eine wichtige Einsicht gelehrt: Der Zusammenbruch eines Systems zieht gleichermaßen mentale und wirtschaftlich Auswirkungen nach sich. Was heute im Westen und vor allem in den Vereinigten Staaten zusammenbricht, ist nicht nur wirtschaftliche Dominanz, sondern auch das Glaubenssystem, welches die Hegemonie zuvor noch belebt oder begleitet hat. Nun brechen die Überzeugungen zusammen, welchen den westlichen Triumphalismus begleitet hatten. Doch wie in jedem revolutionären Prozess weiß man noch nicht, welche neue Überzeugung …
- … als wichtigste übrigbleiben werde!
- … aus dem Prozess der Zerfalls als Sieger hervorgehen werde!
Die vernünftige Seite der Trump-Regierung
Ich möchte darauf hinweisen, dass ich ursprünglich gegenüber Trump keine grundsätzliche Feindseligkeit eingenommen habe. Während Trumps erster Wahl im Jahr 2016 gehörte ich zu denen, die anerkannten, dass …
- … Amerika in einer Krise steckte,
- … sein industrielles und arbeiterfreundliches Kernland zerstört werde,
- … einfache Amerikaner unter der allgemeinen Politik des Imperiums litten,
- … es für viele Wähler sehr gute Gründe gab, für Trump zu stimmen.
Trumps Intuitionen enthalten einige sehr vernünftige Aspekte. Trumps Protektionismus, die Idee, dass Amerika geschützt werden muss, um seine Industrie wiederaufzubauen, entspringt einer sehr vernünftigen Grundlage. Ich selbst zähle mich zu den Protektionisten und habe vor langer Zeit Bücher zu diesem Thema verfasst. Die Idee einer Einwanderungskontrolle halte ich für ebenso vernünftig, auch wenn der Stil, welche die Trump-Regierung im Zuge der Steuerung zur Einwanderung anwendet, unerträglich gewalttätig ausgefallen ist.
Ein weiteres vernünftiges Element, welches viele Weststaatler überrascht, ist die Behauptung der Trump-Regierung, dass es nur zwei Geschlechter gäbe – sprich mit Männern und Frauen. Ich sehe darin keine Annäherung an Wladimir Putins Russland, sondern eher eine Rückkehr zur gewöhnlichen Vorstellung in Bezug auf die Menschheit, welche seit dem Erscheinen des Homo sapiens existiert und eine biologische Tatsache darstellt, über die sich übrigens Wissenschaft und Kirche einig sind.
Hinsichtlich der Trump-Revolution gibt es somit auch vernünftige Elemente!
Nihilismus in der Trump-Revolution
Ich möchte nachfolgend ausführen, warum ich trotz besagter vernünftiger Elemente pessimistisch gestimmt bin und davon ausgehe, wonach das Trump-Experiment scheitern werde. Ich möchte wiederholen, was mich schon so früh, wie im Jahr 2002, in Bezug auf Russland optimistisch, doch in Bezug auf die USA im Jahr 2025 pessimistisch werden ließ:
Es gibt in der Trump-Administration einen Mangel an Reflexion und Planung, sowie eine Brutalität gepaart mit impulsivem und unüberlegtem Verhalten, das an das zentrale Konzept von „The Defeat of the West” erinnert, nämlich an Nihilismus.
[Anmerkung der Redaktion: „Die Niederlage des Westens“, das Buch von Emmanuel Todd in deutscher Übersetzung mit verfälschtem Titel: „Der Westen im Niedergang“].
In „Die Niederlage des Westens“ erkläre ich, dass religiöse Leere, sprich die Nullstufe der Religion, eher zu Angst als zu einem Zustand der Freiheit und des Wohlbefindens führe. Die Nullstufe bringt uns zurück zum grundlegenden Problem. Was bedeutet es, Mensch zu sein? Was ist der Sinn der Dinge? Eine klassische Antwort auf diese Fragen in einer Zeit des religiösen Zusammenbruchs stellt der Nihilismus dar:
Wir bewegen uns von der Angst vor der Leere zur Vergötterung der Leere – mit einer Vergötterung der Leere, welche zum Wunsch führen kann, Dinge, Menschen und letztlich die Realität zerstören zu lassen. Die Transgender-Ideologie stellt an sich nichts Ernstes im moralischen Sinne dar. Aber sie wirkt fundamental im intellektuellen Sinne. Denn zu sagen, dass ein Mann eine Frau oder eine Frau ein Mann sein könne, offenbart den Wunsch, die Realität zerstören zu lassen. Dies war in Verbindung mit „Cancel Culture” [Auslösch-Kultur] und einer Vorliebe für Krieg ein Element des Nihilismus, welches unter der Biden-Administration vorherrschte.
Trump lehnt all das ab. Was mir jedoch im Moment auffiel, ist das Aufkommen eines Nihilismus, der andere Formen annimmt: Gepaart mit dem Wunsch, Wissenschaft, Akademiker und die schwarze Mittelschicht zerstören oder willkürlich Gewalt im Zuge protektionistischer US-Strategie anwenden zu lassen. Wenn Trump gedankenlos Zölle zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten verhängen lassen möchte, obwohl die Region der Großen Seen ein einziges industrielles System darstellt, sehe ich darin einen ebenso großen Impuls zur Zerstörung, wie auch zum Schutz. Wenn ich sehe, wie Trump plötzlich protektionistische Zölle gegen China verhängt und dabei vergisst, dass die meisten amerikanischen Smartphones in China hergestellt werden, so sage ich mir, dass dies nicht einfach nur als Dummheit abgetan werden könne.
Es ist zwar sicherlich Dummheit dabei, aber es könnte auch noch Nihilismus mit im Spiel sein. Begeben wir uns auf eine höhere moralische Ebene: Trumps Fantasie, den entvölkerten Gazastreifen in ein Touristen-Resort zu verwandeln, kann als typisches Beispiel eines nihilistisches Projekt höchster Stufe angesehen werden.
Der grundlegende Widerspruch in der amerikanischen Politik kann nur zum Scheitern von Protektionismus führen. Die Theorie des Protektionismus besagt, dass Schutz nur dann funktionieren könne, falls ein Land über ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte, die es ihm ermöglichten von Zollschutzmaßnahmen zu profitieren, verfüge. Eine protektionistische Politik wäre nur dann wirksam, falls man über Ingenieure, Wissenschaftler und qualifizierte Techniker verfügte. Doch die Amerikaner haben nicht genug davon. Nichtsdestoweniger sehe ich, wie die Vereinigten Staaten damit anfingen, ihre chinesischen Studenten und so viele andere vertreiben zu lassen, also genau jene Personen, die es ihnen ermöglicht hätte, ihren Mangel an Ingenieuren und Wissenschaftlern auszugleichen. Das scheint nur absurd!
Die Theorie des Protektionismus besagt außerdem, dass Schutzmaßnahmen nur dann zur Gründung oder Wiederbelebung von Industriezweigen führen können, sofern der Staat eingreifen würde, um sich am Aufbau neuer Industrien zu beteiligen. Doch wir erleben, wie die Trump-Administration den Staat angreift – genau jenen Staat, welcher wissenschaftliche Forschung und technologischen Fortschritt vorantreiben soll. Schlimmer noch: Nachdem wir nach den Motiven für den Kampf gegen den US-Bundesstaat, der von Elon Musk und anderen angeführt wurde, suchen, stellen wir fest, dass die Gründe dahinter nicht einmal wirtschaftlicher Natur sind:
Wer mit der amerikanischen Geschichte vertraut ist, weiß um die entscheidende Rolle der Bundesregierung bei der Emanzipation der Schwarzen. Der Hass auf die Bundesregierung in den Vereinigten Staaten entspringt meist anti-schwarzen Ressentiments. Wenn man gegen die amerikanische Bundesregierung kämpft, kämpft man gegen die zentralen Verwaltungsbehörden, welche die Schwarzen emanzipierten und immer noch schützen. Ein hoher Anteil der schwarzen Mittelschicht hat eine Anstellung in der Bundesregierung gefunden. Der Kampf gegen die Bundesregierung ist daher nicht Teil einer allgemeinen Vision für einen wirtschaftlichen und nationalen Wiederaufbau.
Wenn ich an die vielfältigen und widersprüchlichen Maßnahmen der Trump-Regierung denke, kommt mir das Wort „Entwurzelung” in den Sinn – eine Entwurzelung, deren Ausgang noch unklar ist.
Absolute Kernfamilie + Null-Religion = Atomisierung
Ich bin sehr pessimistisch, was die Vereinigten Staaten betrifft. Zum Abschluss dieses Erkundungs-Vortrags möchte ich auf meine grundlegenden Konzepte als Historiker und Sozialanthropologe zurückkommen. Zu Beginn dieses Vortrags habe ich gesagt, dass der Hauptgrund, warum ich schon sehr früh, nämlich bereits 2002, davon überzeugt war, dass Russland zu Stabilität zurückkehren würde, darin läge, dass mir die Existenz einer kommunitaristischen anthropologischen Grundlage in Russland bewusst wäre. [Anmerkung der Redaktion: „Kommunitaristisch” bezeichnet eine politische Philosophie, die das Individuum als Teil der Gemeinschaft betrachtet und dessen Verantwortung gegenüber Familie, Nachbarschaft und Gesellschaft betont. Diese Strömung entstand um 1980 als Gegenentwurf zum liberalen Individualismus, mit Fokus auf kollektive Werte, soziale Bindungen und eine aktive Bürgergesellschaft. Wichtige Vertreter sind Amitai Etzioni und Michael Sandel].
Im Gegensatz zu vielen anderen ziehe ich keine Hypothesen über den Zustand der Religion in Russland heran, um die Rückkehr Russlands zur Stabilität verstehen zu können. Ich sehe eine familien- und gemeinschaftsbasierte Kultur mit ihren Werten von Autorität und Gleichheit, die darüber verstehen lässt, was die Nation für Russen bedeutet. Es gibt in der Tat einen Zusammenhang zwischen der Form der Familie und der Vorstellung, welche Menschen von ihrer Nation haben. Die kommunitaristische Familie nährt eine starke, kompakte Vorstellung zur Nation oder vom Volk. So ist es in Russland.
In den Vereinigten Staaten wie auch in England trifft man auf gegenteilige Verhältnisse. Das englische und amerikanische Familienmodell ist nuklear, individualistisch und enthält nicht einmal eine genaue Erbfolgeregelung. Es herrscht Testamentsfreiheit. Die absolute angloamerikanische Kernfamilie verleiht der Nation nur sehr wenig an Struktur. Die Kernfamilie bringt gewiss einen Vorteil an Flexibilität mit sich. Generationen in diesem System folgen aufeinander, bleiben aber voneinander getrennt. Die schnelle Anpassungsfähigkeit der Vereinigten Staaten und Englands und die Plastizität ihrer sozialen Strukturen (welche die englische industrielle Revolution und den amerikanischen Boom ermöglichten) wurden durch diese absolute Kernfamilienstruktur ermöglicht.
Aber neben bzw. über dieser individualistischen Familienstruktur gab es sowohl in England als auch in den Vereinigten Staaten die Disziplin des Protestantismus mit seinem Potenzial für sozialen Zusammenhalt. Die Religion als strukturierender Faktor war für die angloamerikanische Welt von entscheidender Bedeutung. Doch sie ist inzwischen verschwunden. Der Nullzustand der Religion in Verbindung mit Familienwerten, die nur sehr wenig an Struktur hergeben, erscheinen mir als keine ausreichende anthropologische und historische Kombination, um Stabilität zu schaffen. Die angloamerikanische Welt steuert auf eine immer stärkere Atomisierung zu. Diese Atomisierung kann nur zu einer Verschärfung der amerikanischen Dekadenz führen, ohne dass ein Ende abzusehen ist. Ich hoffe, dass ich mich irre und hoffe, dass ich einen wichtigen positiven Faktor vergessen habe.
Leider konnte ich nur einen weiteren negativen Faktor finden, der mir beim Lesen eines Buches von Amy Chua, einer Yale-Wissenschaftlerin und Mentorin von J.D. Vance, aufgefallen ist. [Ihr Buch] Political Tribes: Group Instinct and the Fate of Nations (2018) [„Politische Stämme: Gruppen Instinkte und das Schicksal von Nationen“] hebt, wie viele andere Texte vor ihr, den einzigartigen Charakter der amerikanischen Nation hervor: Eine bürgerliche Nation, gegründet auf Zugehörigkeit aller nachfolgenden Einwanderer an politischen Werten, die über die ethnische Zugehörigkeit hinausgehen. Zugegebenermaßen war dies von Anfang an die offizielle Theorie. Aber es gab auch eine dominante weiße protestantische Gruppe in den Vereinigten Staaten, die selbst auf eine ziemlich lange und traditionelle ethnische Geschichte zurückblicken konnte.
Seit der Fragmentierung der protestantischen Gruppe ist die amerikanische Nation zu einer wahrhaft post-ethnischen, rein „bürgerlichen/zivilen” Nation geworden, die theoretisch durch ihre Verbundenheit mit ihrer Verfassung und ihren Werten vereint wäre. Amy Chua befürchtet, dass Amerika zu dem zurückkehren werde, was sie als Tribalismus bezeichnet: Eine regressive Fragmentierung! [Anmerkung der Redaktion: Tribalismus bezeichnet das Merkmal, der Zugehörigkeit zu einer Gruppe (Stamm, Ethnie, Partei) eine höhere Bedeutung beizumessen als übergeordneten Strukturen, wie dem Staat].
Jede der europäischen Nationen ist ihrem Kern nach, unabhängig von ihrer Familienstruktur, ihrer religiösen Tradition oder ihrer Selbstwahrnehmung, eine ethnische Nation im Sinne eines Volkes, das mit seinem Land verbunden ist – mit einer eigenen Sprache und Kultur und einem Volk, das in der Geschichte verwurzelt ist. Jede hat ein stabiles Fundament. Die Russen haben es, die Deutschen haben es, die Franzosen haben es, auch wenn sie im Moment in Bezug auf diese Konzepte sich etwas seltsam verhalten. Amerika hat [besagtes Fundament] nicht mehr. Eine bürgerliche Nation? Abgesehen von der Idee ist die Realität einer amerikanischen bürgerlichen/zivilen Nation, die durch den Nullzustand der Religion ihrer Moral beraubt wurde, unfassbar – es lässt einen vielmehr sogar erschauern.
Meine persönliche Befürchtung ist, dass wir nicht am Ende, sondern erst am Anfang des Niedergangs der Vereinigten Staaten stehen, der uns Dinge offenbaren werde, die wir uns nicht einmal vorstellen können. Die Bedrohung ist da: Nicht durch ein amerikanisches Imperium, ob triumphierend, geschwächt oder zerstört, sondern in neuen Dingen, die wir uns noch gar nicht vorstellen können.
Ich bin heute in Moskau, daher werde ich mit der zukünftigen Lage Russlands schließen. Ich werde zwei Punkte erwähnen, wovon eine erfreulich und die andere beunruhigend für Russland klingen könnte:
Russland wird diesen Krieg zweifellos gewinnen. Aber im besagten Kontext des Zerfalls Amerikas wird Russland eine sehr schwere Verantwortung in einer Welt, die ein neues Gleichgewicht zu finden hat, zukommen!
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!
Übersetzung UNSER MITTELEUROPA
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Teil 1 des Vortrages von Emmanuel Todd erschien hier:
Emmanuel Todd: „Anthropologie und strategischer Realismus in internationalen Beziehungen” | Teil 1
Teil 2 des Vortrages von Emmanuel Todd erschien hier:
Emmanuel Todd über die Selbstzerstörung des Westens – Teil 2
- Das Interview zum Buch „Der Westen im Niedergang“ in zwei Teilen: HIER
- Emmanuel Todd zur Zerrüttung des Westens und was und droht: HIER
- Emmanuel Todd zur Gemeinsamkeit von Hitlerismus, Trumpismus, Nethanjahuismus in zwei Teilen: HIER
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