„Der Krug geht solange zum Brunnen bis er bricht“: Die USA gingen irrtümlicherweise davon aus, dass es für sie als Welt-Hegemonen seit 1945 im anglo-amerikanischen Kolonialreich 2.0 kein Ablaufdatum mehr gäbe.
Pepe Escobar und Nima Alkorshid bei „Dialogue Works“:
Warum die USA inzwischen unter Zugzwang geraten sind – Teil 2
Nima: Die „New York Times“ berichtete, dass es in einem der Häfen in Ägypten Angriffe auf amerikanische Schiffe gegeben hätte. Sie wurden angegriffen und gestern haben wir das Bildmaterial dazu erhalten. Im Grunde standen zwei dieser Schiffe in Flammen. Heute berichtete die „New York Times“, dass der Iran hinter diesen Angriffen stünde.
[Anmerkung der Redaktion: Oder es war eine False Flag (vorgetäuschte Aktion) der Gegenseite?]
Falls der Iran das getan hätte – unter der Annahme, dass die Berichte stimmen und der Iran es gewesen wäre – dann bedeutete dies eine enorme Kehrtwende der Politik des Iran. Und nicht nur das: Es gab auch Berichte über Cyberangriffe in den Vereinigten Staaten, wozu man kolportierte, dass der Iran hinter diesen Angriffen stecke.
Das wäre eine neue Strategie seitens des Iran, falls sie dazu übergegangen wären. Denn bisher ging es um Verteidigung. Sie verteidigten sich, um abzuwarten, wie die Vereinigten Staaten auf ihre Maßnahmen reagieren würden. Doch inzwischen gehen sie in die Offensive – der Angriff auf Jordanien war meiner Meinung nach ein Beispiel dafür.
Pepe Escobar: Präventiv: Da haben Sie absolut Recht! Die Iraner haben ihre Gesamtstrategie geändert, doch erst vor wenigen Tagen damit begonnen, um nach Abwehraktionen auf Initiativmaßnahmen umzustellen. Das hat sich jetzt geändert:
Sie sind dabei die Spannungen an mehreren Knotenpunkten der amerikanischen Überwachungs- und Angriffsinfrastruktur, innerhalb des gesamten US-Ökosystems in der gesamten Region Westasien und darüber hinaus, nach oben zu treiben. Das ist in gewisser Hinsicht faszinierend Nima, natürlich werden wir es nie direkt erfahren. Doch wer sollte diese Entscheidung getroffen haben? Eine solche Entscheidung kann nur direkt von Mojtaba Khamenei ausgehen. Das kann nicht von einigen einfachen Generälen der IRGC gekommen sein. Sehen Sie das auch so, wonach diese Entscheidung von ganz oben gekommen wäre?
Nima: Oder hat der Oberste Nationale Sicherheitsrat des Iran vielmehr dem Obersten Führer den Vorschlag, der von diesem angenommen wurde, unterbreitet?
Pepe Escobar: Genau so, dürfte es gelaufen sein, was schlüssig erscheint: Nach einer Debatte im Obersten Nationalen Sicherheitsrat und dessen Konsensentscheidung, ging der Vorschlag wohl an Mojtaba, der dem zustimmte.
[…]
Nima: Genau! Denn die iranische Artesh [Iran Republic of Iran Army], die nicht mit der IRGC [Islamische Revolutionsgarde] zu verwechseln ist, repräsentiert lediglich die offizielle…
Pepe Escobar: … (konventionelle) iranische Armee – genau!
Nima: Man berichtet, dass diese Stromgeneratoren des US-Militärs in Bahrain, Navigationssysteme, Verwaltungsgebäude sowie Logistik- und Versorgungsgebäude in Bahrain getroffen hätten. Aus diesem Grund ist der iranische Pilot, der den Märtyrertod starb…
Pepe Escobar: … ein 24-jähriger iranischer Pilot – absolut ein Held.
[Anmerkung der Redaktion: Artesh bestätigte, dass der Su-24-Pilot, Brigadegeneral Majid Kazemi, bei einem Angriff auf den Luftwaffenstützpunkt Al Udeid in Katar am 2. März ums Leben gekommen wäre].
Nima: Genau! Es kam inzwischen zu einem Bericht der aktuelle Lage durch NBC: Darin heißt es, dass vor wenigen Minuten eine US-Sicherheitsbesprechung stattgefunden hätte, bei der Donald Trump teilnahm….
Pepe Escobar: … ja, das ist dasselbe Meeting… [Anmerkung der Redaktion: Auf das sich Pepe Escobar im ersten Teil dieser Serie bezogen hatte.]
Nima: NBC berichtete, dass bei dieser Sicherheitskonferenz Donald Trump offenbar so frustriert und verzweifelt gewesen wäre und nicht mehr ein und aus gewusst hätte: Die militärischen Optionen hätten ihn nicht zufriedengestellt wie auch der Stand die Verhandlungen [mit dem Iran]. Deshalb wüsste Trump nicht mehr, was er tun sollte. Im Grunde sähe er keine Zukunfts-Perspektiven mehr und wäre ratlos. Das wäre das Problem.
Ich denke, es geht nicht nur um Donald Trump. Auch die Iraner wissen nicht, wie der nächste Schritt der Vereinigten Staaten aussehen könnte. Das ergibt meiner Meinung nach eine äußerst gefährliche Situation.
Pepe Escobar: Sie haben absolut Recht: Das scheint äußerst gefährlich, wegen der Unvorhersehbarkeit. Dazu kommt, dass Trump in die Enge getrieben scheint und im Grunde genommen höchstens noch zweieinhalb Wochen Zeit hat, um etwas auszurichten:
Danach wird das Ganze zusammenfallen!
[Anmerkung der Redaktion: Angesichts der schrumpfenden Lagerbestände der strategischen US-Ölreserven hat das U.S. Government Accountability Office (U.S. GAO, US-Rechnungshof) davor gewarnt, dass mehr als ein Viertel des Inhalts der strategischen US-Ölreserven de facto „für Entnahmen nicht verfügbar“ wären, da die überalterte US-Infrastruktur – darunter Pipelines, Lagertanks und riesige unterirdische Kavernen nur dank „Notlösungen“ noch zusammengeschustert wären.
Das bedeutet, dass 103 Mio. Barrel der strategischen US-Ölreserve von derzeit noch gesamt vorhandenen 307,7 Mio. Barrel nicht mehr genutzt werden können, was einen momentanen tatsächlichen Entnahmebestand von nur noch knapp über 200 Mio. Barrel ergibt: Gerade genug um 10 Tage des durchschnittlichen US-Verbrauchs abzudecken und den Marktpreis in dieser Zeit noch weiter unten halten zu können.
Trump hatte im März 2026, nachdem er am 28. Februar 2026 den Iran überfallen ließ, doch hängengeblieben (kein Blitzsieg) war, beschlossen, Rohöl im Wert von 172 Mio. Barrel aus den strategischen Ölreserven zur Preismanipulation auf den Markt werfen zu lassen.
Falls die US-Administration so chaotisch wie bisher weitermachen wollte, könnte der Ölpreis bald schon hochschnellen und die Weltwirtschaft in eine schwere Stagflation und Rezession stürzen. Die könnte einen Anstieg der Lebensmittelpreise von über 50% und den weiteren Zusammenbrauch der noch in Europa angesiedelten Industrien nach sich ziehen.]
Die Verhandlungen bzw. was von diesen noch übrigblieb, haben sich zerschlagen. Larry (Johnson) und ich haben das im Detail verfolgt und stellen den Vermittlern [aus Pakistan] jeden Tag neue Fragen. Das Neueste, was wir von Anfang dieser Woche bis heute in Erfahrung bringen konnten, lautet:
Es gibt noch ein winziges Zeitfenster, falls die Amerikaner beschließen wollten, es zu nützen. Die Iraner sind gegenüber Diplomatie, solange sie von gegenseitigem Respekt geprägt wäre, weiter aufgeschlossen.
Es gibt eine amerikanische Delegation, die am Montag mit einer Botschaft nach Rawalpindi zum Hauptquartier der pakistanischen Armee angereist war. Deren Botschaft lautete, dass die Amerikaner zu Verhandlungen zurückkehren wollten, doch nur unter Bedingungen, die das Gegenteil von dem bedeuten, was die Iraner schon seit Monaten vorgegeben haben:
- Die Amerikaner wollen mit dem Dossier zur Nuklearfrage beginnen. Das lehnt der Iran ab und wäre das Letzte, worüber der Iran ganz am Ende nur diskutieren wollte.
- Die USA wollen Zugeständnisse vom Iran erhalten und dafür nur einen Teil der bei katarischen Banken eingefrorenen sechs Milliarden USD freigeben zu lassen – nicht den gesamten Betrag, den die Katarer ursprünglich schon freigeben wollten, was die Amerikaner, inklusive einer Lockerung der Iran-Sanktionen, dann blockiert hatten.
Abhängig von all dem – so die Amerikaner – wollten sie nur zuletzt über die Straße von Hormus sprechen. Das bedeutet jedoch das genaue Gegenteil, was der Iran von Anfang an verfolgt hatte und stellt noch weiter einen Kampf um Einfluss von beiden Seiten, wobei die Vermittler – aus Pakistan, Oman und Katar – buchstäblich in der Mitte sitzen, dar.
Die technischen Details zur Straße von Hormus betreffen natürlich den Iran und Oman, zumal die Meerenge zu beiden Ländern gehört und von diesen nur zu besprechen ist. Katar versucht sich als Kompromisslösung mit neutralem Standpunkt anzubieten. Doch als Standort für die Verhandlungen, würde der Iran Islamabad [Hauptstad Pakistans] im Gegensatz zu Doha (Hauptstadt von Katar) vorziehen, zumal Pakistan – wie auch die Schweiz davor – dem Iran einen (stärkeren) Sicherheitsschutz anbieten konnten. Die USA würden offensichtlich die Schweiz, da im Westen, bevorzugen.
[Anmerkung der Redaktion: Hintergrund dazu ist, dass atlantische Kräfte ihre Verhandlungspartner während laufenden Verhandlungen bevorzugt ermorden lassen!]
Es bleiben noch viele offene Fragen, verbunden mit besagtem Kampf um Einfluss. Wir alle gehen davon aus, dass der Iran nicht nachgeben oder zurückweichen wird, denn…
… alle Punkte der Iraner wurden im MoU [Memorandum of Understanding, Absichtserklärung] bereits festgelegt!
Der Iran beruft sich auf eine Diplomatie, die auf das MoU zurückzukommen hätte, nachdem die US-Amerikaner dieses unterzeichnet und die Verpflichtungen darin einzuhalten hätten. Solange alles in Schwebe bliebe, bleibt es gefährlich! So sieht es im Moment aus.
Das Einzige – ich würde es nicht einmal als Argument anführen – doch was die amerikanische Verblendung überlagern könnte, wäre, dass die Uhr weiter tickt, was die Amerikaner im Gegensatz zum Iran nicht im Griff haben: In etwas mehr als zwei Wochen wird man auf eine echte rote Linie stoßen. Das wird sie unter Zugzwang setzen:
Genau das wurde bei jener Mega-Zusammenkunft besprochen, bei der Trump im Grunde genommen jedem im Raum Schimpfwörter und Beleidigungen an den Kopf warf. Klar, nachdem er einen Krieg anfing und seine eigenen Leute ihm inzwischen sagen: „Es führt kein Weg aus diesen Krieg heraus, es sei denn, wir werden strategisch besiegt und gedemütigt!“ Das lässt ihn natürlich durchdrehen. Aber das war’s. Er hat sich das selbst und den Vereinigten Staaten zuzuschreiben. Es gibt keinen Weg oder Absprung daraus:
Es gibt nur eine einzigen holprigen Ausweg und der heißt MoU!
Nima: Ich glaube, zwischen dem Iran und Katar ist etwas im Gange, denn gestern haben sie eines ihrer LNG-Schiffe durch die Straße von Hormus passieren lassen Das ist etwas Neues, denn in den letzten drei Wochen wurde nichts aus Katar kommend durch die Straße von Hormus hinausgelassen. Das war gestern zum ersten Mal geschehen. Es bedeutet, dass sich zwischen den beiden Ländern etwas anbahnt?
Pepe Escobar: Da ist so: Im Grunde versucht Katar, dem Iran zu beweisen:
„Wir könnten einen effektiven und neutralen Vermittler abgeben, falls es gelänge, die US-Amerikaner an den Verhandlungstisch zu bringen. Lasst uns auch an diesem Spiel teilnehmen: Wir und Pakistan könnten versuchen, das gemeinsam zu schaffen, um zu versuchen, die Amerikaner an den Verhandlungstisch zu bekommen. Ihr müsstet uns nur vertrauen!“
Es war ein gutes Zeichen, dass die Iraner diesem LNG-Tanker erlaubten, von Katar nach Pakistan auszulaufen. Mir gefiel diese Geste und Kontinuität hinter diesem Zug: Er bezieht drei Akteure in ein und denselben Prozess ein, bei dem versucht wird, gegenseitiges Vertrauen zwischen den dreien aufzubauen. Das könnte uns wieder zu dem zerschlagenen Verhandlungstisch zurückbringen.
Ja, in der Tat, ein sehr kleines Zeitfenster stünde noch offen. Es wird davon abhängen, was die Pakistaner und die Katarer zustanden bringen könnten, um entsprechende amerikanische Unterhändler in die Sache einzubinden. Wahrscheinlich könnten diese das einsehen. Doch offensichtlich stehen sie unter Trump, wobei ein Faktor, dabei sehr große Wichtigkeit hat. Ich möchte nochmals betonen, dass wir hierzu auf nur eine Quelle zurückgreifen. Aber diese Quelle in Pakistan ist sehr gut platziert. Sie sitzt mit am Verhandlungstisch und hat Zugang zu all den Informationen. Seiner Interpretation zufolge wäre diese amerikanische Delegation, die am Montag nach Pakistan reiste, vom Büro des Vizepräsidenten entsandt worden. Das bedeutet, dass es sich um Leute von JD Vance handelt. In dieser Delegation scheint es keine „Tweedledumb“ und „Tweedledee“ – also dümmliche Kushner & Witkoff zu geben.
[Anmerkung der Redaktion: „Tweedledum“ und „Tweedledee“ sind Figuren aus einem englischen Kinderreim und Lewis Carrolls Buch „Alice hinter den Spiegeln“ (Through the Looking-Glass, and What Alice Found There) aus dem Jahr 1871. Die Namen sind seitdem in der westlichen Popkultur zu Synonymen für zwei beliebige Personen geworden, deren Aussehen und Verhalten identisch erscheint.]
Das ist sehr, sehr interessant und beweist einmal mehr, dass es an der Spitze der Trump-Regierung unterschiedliche Ansichten darüber gibt, wie z.B. Diplomatie zu laufen hätte. Wie wir alle wissen, hat JD Vance Trumps wahnwitzigen Schachzügen von Anfang an im Grunde nicht zugestimmt. Das ist also ein Zeichen dafür, dass die Pakistaner und Katarer versuchen könnten, zu sagen:
„Versuchen wir – ich würde nicht sagen ‚verführen‘ – aber versuchen wir doch, diese amerikanischen Verhandlungsführer auf unsere Seite der Diplomatie zu ziehen, um herauszufinden, ob sie in Washington über ausreichend Einfluss verfügten, um dem Präsidenten zu vermitteln, dass es keine andere Möglichkeit gebe, als das MoU zu respektieren!“
Die Katarer und die Pakistaner werden alles daransetzen, um die Fäden zu ziehen und beide Delegationen wieder an einen Tisch zu kriegen. Ich weiß, Nima, dass alle, die uns zuschauen, es wissen: Die Chance für Diplomatie steht nur um die 0,01 Prozent. Aber zumindest gibt es eine Rest-Chance, die immer noch besteht. Ich bin mir sicher, falls man [Abbas] Araghi (den iranischen Außenminister) fragte, würde er sagen: „Ja! Wir haben nie ‚Nein‘ dazu gesagt!“ Aber, sie sagten, …
Nima: … Diplomatie wäre immer da…
Pepe Escobar: … wäre immer da – Sie haben so recht. Denn Araghi würde sagen, sofern gegenseitiger Respekt herrschte und die USA ihre Verpflichtungen aus dem MoU nachkämen, die iranische Seite an den Verhandlungstisch zurückkehren würde.
Nima: Ich denke, was auch immer passiert, wenn diese 0,01 Prozent auch schlagend würden…
Pepe Escobar: Genau!
Nima: … könnte der Jemen dann Teil davon sein?
Pepe Escobar: Lassen Sie mich Ihnen die Gegenfrage stellen: Wie könnte man sich vorstellen, dass der Jemen da hineinkäme? Offensichtlich nicht selbst am Verhandlungstisch anwesend zu sein, aber natürlich würden die Iraner für die gesamte Achse des Widerstands die Verhandlungen führen wollen.
Nima: Der Standpunkt der Iraner lautet, dass die USA zunächst einmal alle Beschränkungen gegen den Jemen aufheben lassen müssten – die Abschottung, einfach alles – das geht so nicht. Denn der Jemen setzte – wie Sie erwähnten und die Rolle des Jemen im Verbund mit der Achse des Widerstands beschrieben – den richtigen wichtigen Schritt. Deshalb tritt der Jemen jetzt in Erscheinung. Ich denke, der Moment, in dem sie ins Spiel kamen, ist so wertvoll und wichtig –
Pepe Escobar: Das ist er!
Nima: … denn sie traten in Erscheinung, als die Meerenge schon komplett gesperrt war und der Kampf zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten ausgebrochen war. Sie üben enormen Druck auf Saudi-Arabien aus. Man sieht, wie sich alles entwirrte und die Außenpolitik Saudi-Arabiens einfach zusammenbricht. Der Jemen wurde gerade jetzt für den Iran so überaus wichtig. Der Jemen hat seine Macht unter Beweis gestellt und gezeigt, was passiert, nachdem Saudi-Arabien versucht hatte, die Lage eskalieren zu lassen. Erinnern Sie sich an den letzten Angriff, bei dem sie all diese Ölanlagen in Saudi-Arabien angegriffen hatten? Wie lautete die Reaktion Saudi-Arabiens damals?
Pepe Escobar: Sie baten um einen Waffenstillstand. Ja, die Saudis sagten: „Okay, wir hören auf. Lasst uns reden.“ Das war im Jahr 2019. Es gab also unmittelbar danach einen Waffenstillstand und übrigens auch eine Absichtserklärung, welche die Saudis vor weniger als einem Monat wieder gebrochen haben.
Nima: Genau! Die jüngste Vergeltungsmaßnahme [der Saudis] für den Angriff auf ihre Ölanlagen war buchstäblich der Angriff auf Berge im Jemen. Doch wir wissen: Falls sie die Raketen im Jemen treffen wollen, die sich in unterirdischen Anlagen der Berge befinden, kann man selbst mit Kampfflugzeugen nichts ausrichten. Im Grunde sind diese nicht in der Lage, die Ziele innerhalb der Berge auszuschalten.
Pepe Escobar: Stimmt!
Nima: Ich denke, der Iran kann die Rolle des Jemen nicht ignorieren. Der Jemen ist einfach zu wichtig. Meiner Meinung nach werden sie einen neuen Paragraphen in die Absichtserklärung [MoU] aufnehmen müssen – oder was auch immer sie am Ende vorlegen werden – in dem festgehalten würde, dass der Jemen Teil davon zu sein hätte. Sie werden erwähnen, dass die gesamte Abschottung [des Jemen] aufgehoben werden müsse und sich daraus vielleicht eine neue Beziehung zwischen dem Iran und Jemen sowie zwischen dem Irak und Jemen entwickeln könnte. Das würde eine enorme Veränderung für den Jemen bedeuten. Man weiß, unter welch großem Druck sie so lange schon standen – um ehrlich zu sein, seit mehr als einem Jahrzehnt. Das wäre etwas Neues für den Jemen, um seiner Wirtschaft zu helfen und seine Position zu stärken. Sie nehmen derzeit eine sehr mutige Haltung innerhalb der Achse des Widerstands ein und werden ihren Weg finden, um mit ihren eigenen Problemen umzugehen. Denn – um ehrlich zu sein – sie sind mittlerweile ein sehr wichtiger Akteur. Innerhalb des neuen Blocks spielen sie eine ungemein wichtige Rolle. Es geht nicht nur um Vergeltungsmaßnahmen gegen Israel und darum, einige Ziele in Israel zu treffen. Es geht um ihr Land. Es geht um ihre Position. Es geht um ihre Souveränität. Das ist für das jemenitische Volk so wichtig. Das sind stolze Menschen. Diese als Stellvertreter des Iran hinzustellen, wäre einfach lächerlich!
Pepe Escobar: Die das sagen, haben einfach keine Ahnung. Doch selbst, wenn es zu keinen Nachträgen zum MoU käme, wäre das wichtig: Die Chinesen sagen im Grunde, dass sich alle wieder an das MoU halten sollten und es würde kein neues Abkommen geben. Das ist die chinesische Position, welche die Iraner sehr gut verstehen. Die Iraner fordern keine Neuverhandlungen oder ein neues Abkommen. Sie fordern die Umsetzung des MoU. Aber Absatz Nummer eins besagt im Grunde:
… das Ende aller Kriege!
Falls man an den Verhandlungstisch zurückkehrte und iranische Unterhändler dabei wären, würden diese natürlich sagen: „Ende aller Kriege bedeutet alle Ihre Kriege gegen alle Mitglieder der Achse des Widerstands einstellen zu lassen!“ Hierzu passt der Jemen ins Bild, ohne dass man überhaupt etwas dem MOU noch hinzuzufügen hätte.
Doch können Sie sich vorstellen, Nima, dass eine amerikanische Regierung zugeben könnte, dass sie ihren Krieg gegen die gesamte Achse des Widerstands zu beenden hätte – was von Anfang an, noch vor dem Angriff auf den Iran am 28. Februar, der Hauptpunkt war? Das käme nicht in Frage. Wir wissen, dass das nicht passieren wird! Das könnte noch lange so weitergehen und wir könnten monatelang Eskalationsstufen erleben, die mal nach oben und mal nach unten ausschlagen. Schrecklich, aber durchaus plausibel!
Nima: Ich denke, die Möglichkeit einer Fortsetzung des Krieges ist gegeben und wird mit der Zeit zunehmen, doch das Problem ist:
Sind die GCC-Staaten darauf vorbereitet, zu einer neuen Ukraine in Westasien zu werden?
Denn eine Fortsetzung des Krieges würde die totale Zerstörung ihrer Ölanlagen bedeuten – alles, was sie besitzen.
Pepe Escobar: Stimmt! Sie flippen jetzt schon völlig aus. Sie wollen jetzt schon raus. Zumindest einige von ihnen. Kuwaits Weg, sich herauszuziehen, ist zum Beispiel das Abkommen, das sie gerade mit Pakistan abgeschlossen haben. Wenn man dieses Abkommen auswertet, sagt Kuwait im Grunde, dass es Teil des Sicherheitsschirms unter Pakistan werden möchte.
Das ist im Wesentlichen der Kern, der den Weg zeigt, um sich herauszuziehen. Kuwait geht davon aus, dass es, wenn es unter dem pakistanischen Schutzschild stünde, nicht vom Iran angegriffen würde. Aber so einfach wird das nicht laufen. Falls Kuwait weiterhin amerikanische Stützpunkte auf seinem Territorium zuließe, würde es vom Iran weiter angegriffen werden – Punkt. Das also ist der Stand der Dinge. Es würde so nicht reichen. Falls sie wollten, dass Pakistan sie beschützt,…
… dann hätten alle amerikanischen Stützpunkte (von Kuweit) abzuziehen!
Ist Kuwait souverän genug, um das zu tun? Natürlich nicht. Sie haben keinerlei Kontrolle über ihr eigenes Land. Das ist das Problem bei allen Ländern des Golf-Kooperationsrats (GCC). Sie sind per Definition allesamt nicht echt. Wenn man dorthin reist und das Land besucht, kann man das selbst erleben: Bis auf wenige Ausnahmen ist alles nur Schein. Ein paar Ausnahmen gibt es in Katar. Wenn man zum Beispiel den riesigen Universitätscampus in Katar besucht, sind die meisten Fakultäten amerikanisch. Es gibt ein oder zwei, die von Katarern geleitet werden und deren Lehrkräfte Katarer sind. Aber selbst, wenn die Lehrkräfte und Professoren Katarer wären – wo wurden sie ausgebildet?
In Großbritannien oder in den USA!
Man kann also nicht von Souveränität sprechen, doch das sind die Lehrkörper, welche neue Generationen prägen. In den VAE [Vereinigte Arabische Emirate] ist es noch schlimmer. Die VAE bilden einen Nullpunkt der Kultur. In den VAE gibt es null Kultur, abgesehen von glitzernden, protzigen goldenen Türmen. Das ist alles. Alles ist Schein, im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Stämme – all diese GCC-Staaten – müssten also gemeinsam eine Art „Damaskus-Erlebnis“ haben, was so schnell nicht passieren dürfte. Doch falls sie sähen, dass alles, was sie aufgebaut oder in das sie investiert haben oder was auch immer, zerstört werden würde, dann vielleicht.
Doch genau da stehen wir im Moment. Zumindest die kleinen Amerikas, die wir überall im GCC finden, werden vom Iran systematisch zerstört. Der Iran sagte von Anfang an, dass eines ihrer Hauptziele sei,…
… die Präsenz der Vereinigten Staaten in Westasien zu beseitigen!
Das setzen sie jetzt praktischen um!
Nima: Um noch einmal auf die laufenden Verhandlungen zwischen dem Iran und Oman zurückzukommen, welche Sie erwähnt hatten: Der stellvertretende iranische Außenminister hat im iranischen Fernsehen darüber gesprochen. Er sagte auf Persisch, so wie ich seine Sichtweise verstehe, dass die Verwaltung der Straße von Hormus zwischen Iran nicht 50:50 Prozent sein könne. Es würde zwei Fahrtrinnen geben, wobei die auf der iranischen Seite zu 100% vom Iran kontrolliert werden würde und die auf Seite des Omans zu 50 : 50 vom Oman und Iran kontrolliert sein werde. Es geht dabei nicht ums Geld oder Ähnliches. Es geht darum, die Straße von Hormus zu insgesamt 75% unter iranischer Kontrolle zu haben …
Pepe Escobar: Ich nehme an, dass die Omaner, das akzeptieren können?
Nima: Das weiß man noch nicht. Er sagte, dass man sich in Verhandlungen befände. Oman hätte dem Iran ein 50:50-Verhältnis gesamt vorgeschlagen, was der Iran aufgrund von Sicherheitsbedenken abgelehnt habe: Wegen des Krieges und wegen der Geschehnisse sei es für den Iran unmöglich, das akzeptieren zu können.
[…]
Das ist es, was zwischen den beiden Ländern vor sich geht. Ich denke, das ist der Kern und sind die wichtigsten Verhandlungen, die gerade stattfinden. Ansonsten gibt es keine anderen. Vielleicht werden hinter den Kulissen irgendwie Botschaften zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten ausgetauscht, aber das ist nichts Ernstes,…
Das eigentliche Problem ist diese Meerenge, Pepe. Falls sie eine Art Mechanismus für diese Meerenge fänden, eine Art Abkommen zwischen dem Iran und Oman, dann glaube ich, dass die Vereinigten Staaten daran nichts werden ändern können:
Denn, die USA gehören nicht zu dieser Region!
Pepe Escobar: Genau – sie sind außen vor bzw. nur Außenseiter. Natürlich kann der Iran Oman davon überzeugen, dass sich daraus sekundäre Vorteile für die omanische Wirtschaft ergeben werden, wenn sie das umsetzen würden. Die Katarer werden schließlich zustimmen. Die Pakistaner können als Vermittler zwischen allen auftreten. Es ist also möglich, dass eine Einigung über die Schifffahrt in der Straße von Hormus zustande käme. Aus amerikanischer Sicht wäre das natürlich, ich würde sagen, der glasklarer Beweis für eine strategische Niederlage. Aber was können sie tun? Was wäre ihr Plan B? Alle wieder bombardieren lassen – das ist das Einzige, was sie noch tun könnten.
Jeder will, dass die Straße von Hormus offen wäre und als tragfähiges System funktionieren könnte – insbesondere für die Chinesen, welche die wichtigsten unsichtbaren Akteure in diesem ganzen Drama sind. Genau das stand hinter dem chinesischen Vorstoß, den sie den Pakistanern unterbreiteten: „Wir stehen voll und ganz hinter Ihnen, aber ihr müsst alles in Eurer Macht Stehende tun, um sie erst einmal zurück an den Verhandlungstisch zu bringen und natürlich einen Mechanismus für die Straße von Hormus zu finden!“
Nima: Nur um es einmal mehr zu betonen, was gerade zur Verwaltung der Straße von Hormus verhandelt wird… Es gibt dort zwei Routen: Eine Fahrtrinne führt hinein – die andere hinaus. Das bedeutet, dass der Iran die Route, die hineinführt, vollständig [zu 100%] kontrollieren wird, und bei der Route, die hinausführt, wird der Iran 50% der zweiten Route/Fahrtrinne kontrollieren.
Pepe Escobar: Genau!
Nima: Es geht nicht um Handel. Es geht um die Verwaltung der zwei Routen/fahrtrouten durch die Meerenge!
Pepe Escobar: Richtig – es geht um zwei Fahrtrinnen durch die Meerenge. Natürlich in Bezug auf die Ausfahrt durch die Straße von Hormus, kann der Iran 50% an den Oman abtreten… Aber um hineinzukommen – und das ist absolut entscheidend –, muss der Zugang vom Iran [zu 100 Prozent] kontrolliert werden. Sonst würden US-Schiffe dort einlaufen!
Nima: Genau! Die gesamte Verhandlung dreht sich um Sicherheit: Sicherheit und noch einmal Sicherheit – das ist im Moment das Wichtigste! [Wir kommen damit zum Ende unserer Sendung].
Pepe Escobar: Ich habe einen neuen Beruf – ich bin jetzt der „Ständige Gärtner“. Erinnern Sie sich an diesen Film? [Anmerkung der Redaktion: Der Originaltitel lautet, The Constant Gardener und ist ein Politthriller und Drama aus dem Jahr 2005 unter der Regie von Fernando Meirelles] Genau das ist es. Meine wichtigste Aufgabe ist es, mich jetzt um meinen Garten zu kümmern: Mich um Wasser für die Vögel und um die Blumen zu kümmern… Ich befinde mich also im Sommer buchstäblich mitten in einem Garten, was angesichts all der Schrecken rings herum ein sehr guter Kontrast ist – und natürlich gut für den Geist, die Seele sowie das innere Gleichgewicht ist. Es entspricht auch der alten chinesische Weisheit: Ich denke immer an die alten chinesischen Gelehrten, die zwei Prioritäten in ihrem Leben hatten:
- den Garten!
- und die Bibliothek!
So, habe ich versucht, alle meine Bücher, die über die ganze Welt verstreut sind, an einen Ort zu bringen und nun kann ich sowohl die Bücher wie auch die Schmetterlinge hier bei mir haben – perfekt!
Nima: … ich möchten allen Zuhörern danken, in jeder Sprache…
Ende der Serie
Übersetzung und Lektorierung: UNSER-MITTELEUROPA
***
Teil 1 des Interviews mit Pepe Escobar durch Nima Alkorshid auf „Dialogue works“: HIER
Das Interview von Pepe Escobar durch Nima Alkorshid als Video auf Englisch. HIER

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