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Ryan Perkins über den Anschluss EU-Europas an globale atlantische Imperial-Politik | Bild: UM AI generiert

Der Autor und Analyst, Ryan Perkins, erklärt, dass es eine transatlantische Scheidung nicht gebe. Europa würde nur umformatiert, um den USA in Asien-Pazifik freiere Hand zu gewähren: Deutschland Deindustrialisierung und Finanzialisierung liefert die imperiale Mitgift bei dieser Eheschließung!

Die neue Rolle Deutschlands durch Finanzialisierung
als Eckpfeiler im U.S.-Schlachtplan für Europa

Der Artikel von Ryan Perkins zur vorsätzlichen Deindustrialisierung Deutschlands in deutscher Übersetzung

Keine Scheidung

Die Vorstellung, dass die Vereinigten Staaten und Europa auf eine strategische Trennung zusteuerten, klingt politisch und emotional verlockend: Handelsstreitigkeiten, Industriesubventionen, die Lastenteilung im Verteidigungsbereich und die Rhetorik einer europäischen „strategischen Autonomie“ werden als Beweise gewertet, wonach die atlantische Ordnung vermeintlich am Zerfallen sei. Doch das ermöglicht den Eliten auf beiden Seiten des Atlantiks nur, …

… sich selbst und ihre Wählerschaften in Fantasien von politischer Handlungsfähigkeit zu wiegen!

Doch diese Vorstellung ist falsch! Es wird keine transatlantische Trennung geben, doch nicht, weil man seine verlorene Liebe wiederentdeckt hätte, sondern weil eine Trennung strukturell unmöglich wäre. Die USA und Europa sind nicht durch Gefühle oder gemeinsame Werte miteinander verbunden. Sie sind durch Kapital miteinander verbunden, was sich in solcher Größenordnung nicht entkoppeln lässt.

Im Kern dieser Beziehung verbirgt sich eine Tatsache, die in den Kommentaren [westlicher] Medien fast vollständig unterschlagen wird:

Der Bestand an gegenseitigen Direktinvestitionen zwischen den USA und Europa beläuft sich auf rund sieben Billionen Dollar!

Dabei handelt es sich nicht um Handel, der umgeleitet werden bzw. um Portfoliokapital, das abgezogen werden könnte. Es sind Fabriken, Lieferketten des Verteidigungsbereichs, Banken, Versicherer, geistiges Eigentum und langfristig angelegte Unternehmensverflechtungen, die in innerstaatlichen, rechtlichen und politischen Systeme auf beiden Seiten des Atlantiks eingebettet sind.

Ein System, das auf solch einem grundlegenden Fundament von Kapital aufgebaut ist, zerfällt nicht: Es reorganisiert sich nur neu!

Was wir heute erleben, ist kein Zusammenbruch der atlantischen Ordnung, sondern eine interne Neukalibrierung innerhalb eines US-zentrierten Finanz-Imperiums. Streitereien über Industriepolitik und Verteidigungsausgaben sind Auseinandersetzungen über Kostenverteilung und Arbeitsteilung, doch entsprechen keinen Ausstiegsstrategien.

Auf der Ebene, auf die es tatsächlich ankommt, hat sich die Integration hingegen vertieft: Dollar-Euro-Swap-Linien bleiben das Rückgrat der globalen Finanzstabilität. Die regulatorische Koordinierung wird inzwischen noch enger als vor der globalen Finanzkrise gelebt. In jedem Moment des Stresses – wie im Jahr 2008 oder während der Euro- und CoV-Krise oder des Energieschocks – hat sich die Koordinierung vielmehr intensiviert, doch keineswegs aufgelöst.

So laufen Scheidungen nicht ab. So verhalten sich Finanzimperien, die sich nicht selbst auflösen: Sie reagieren nur und reorganisieren sich selbst!

Der China-Faktor

Als strategische Logik hinter dieser Neuausrichtung steht China:

Washington betrachtet den asiatisch-pazifischen Raum als den entscheidenden Schauplatz im Kampf um die Vorherrschaft im 21. Jahrhundert, gerade weil China die einzige Macht ist, die in der Lage wäre, die technologische, industrielle und militärische Vorherrschaft der USA herauszufordern. Diese Einschätzung hat eine unvermeidliche Konsequenz: Die USA müssen Ressourcen aus Europa abziehen, ohne dabei den Zusammenbruch der europäischen Sicherheitsordnung zuzulassen.

Mit anderen Worten: Europa muss zu einer ausreichend verlässlichen Säule der NATO werden, damit die USA ihre Kräfte anderswo einsetzen können:

Das erfordert keine europäische Unabhängigkeit – es schließt eine solche vielmehr aus!

Es erfordert jedoch europäische Kapazitäten – fiskalische, industrielle und institutionelle – um die eigene Zone zu bewältigen, doch gleichzeitig vollständig im atlantischen System eingebettet zu bleiben.

Was sich tatsächlich verändert

Deshalb gestaltet Europa sein wirtschaftliches Betriebssystem still und leise neu:

Gemeinsame EU-Kreditaufnahmen, einst ein Tabu-Thema, sind zur Normalität geworden. Von der Europäischen Zentralbank wird inzwischen erwartet, dass sie in Krisenzeiten, anstatt sich herauszuhalten, die Märkte für Staatsanleihen stabilisiere. Haushaltsdisziplin ist fiskalischer Handlungsfähigkeit gewichen, …

… am deutlichsten sichtbar im Rückzug Deutschlands von der Schuldenbremse!

Verteidigungs- und Industriepolitik werden nicht mehr als vorübergehende Reaktionen auf Notfälle betrachtet, sondern als feste Bestandteile der Wirtschaftslandschaft.

Nichts davon schafft einen europäischen Superstaat: Aber zusammen machen diese Veränderungen Europa finanziell nachvollziehbar und operativ einsetzbar in einer Welt, in der die USA davon ausgeht, anderweitig beschäftigt zu sein.

Deutschlands neue Rolle im neuen Europa-Konzept

Deutschlands industrieller Niedergang ist kein Zufallsprodukt schlechter Energiepolitik:

Es handelt sich um die strategische Umformatierung eines Kernstaates innerhalb des [atlantischen] Finanzimperiums!

Die Stilllegung von Kernkraftwerken und Aufgabe von der Abhängigkeit von russischem Gas waren keine Fehltritte, sondern der kontrollierte Abbau eines obsoleten Exportmodells, das mit einer vereinten Eurozone unvereinbar war. Kurz gesagt: Beständige deutsche Handelsüberschüsse und dessen fiskalischer Autoritarismus – deutscher „Ordoliberalismus“ – haben die Peripherie Europas destabilisieren lassen. Deutschlands wahre Funktion hat sich von der Herstellung von Gütern hin zur Finanzverwaltung verlagert – vom industriellen Hegemon zum finanziellen Anker. Diese Finanzialisierung stellt …

 … kein Zeichen europäischer Unabhängigkeit dar, sondern eines der tieferen Integration in ein von den USA gelenktes System!

[Anmerkung der Redaktion: Die Denkschule des Ordoliberalismus wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Ökonomen der Freiburger Schule begründet. Sie bildete eine Wirtschaftsdenkrichtung, bei welcher der Staat einen festen rechtlichen Ordnungsrahmen vorgibt, um freien Wettbewerb und Marktfreiheit sicherzustellen.

 Ordoliberalismus dient als theoretisches Fundament der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland und Mitteleuropa und verbindet das Leistungs- und Verantwortungsprinzip in Kombination mit sozialem Ausgleich, was dem Westen jedoch völlig fremd geblieben ist.

 Die Ideen der Freiburger Schule dienten nach 1945 der westdeutschen Wirtschaftsordnung unter Ludwig Erhard als theoretisches Fundament. Ziel war die Verhinderung von Monopolen und Kartellen, um einen freien Wettbewerb zuzulassen. Dazu hatte eine stabile Währung das entscheidende Fundament zu stellen.

Im Verbund mit der Deutschland AG [1] musste jene deutsche Denkschule den Vertretern atlantischer Imperialisten & Neo-Kolonialisten einem roten Tuch gleichen. Im entscheidenden Kampf um Reformatierung des deutschen Wirtschaftsmodell hin zum atlantischen Wirtschaftsimperialismus rückte der deutsche Ordoliberalismus um die Jahrtausendwende verstärkt ins Fadenkreuz atlantischer Kuratoren, die diesen dann – zusammen mit der Deutschland AG – im Zuge der Finanzkrise 2008 als vermeintliche „Old School“ verunglimpfen und zugleich endgültig entsorgen ließen. Deutschland wurde zugleich antlantifiziert.

Die Artikel von Ryan Perkins handeln von besagter neuen europäischen Ordnung nach der atlantischen Übernahme streng nach dem Modell atlantischer Herrschaft unter einer Oligarchie, die Simulationsdemokratien im gewissen Rahmen nur duldet.]

Indem Deutschland seine Schuldenbremse aufgab und kollektive EU-Schulden akzeptiert, transformierte es zu einem finanzpolitischen Garanten für kontinentale Stabilität. Dies ermöglicht ein leistungsfähigeres, sich selbst finanzierendes Europa, das im Tagesgeschäft autonom agiert – sodass die USA ihre Macht und Ressourcen bzw. ihren Fokus auf den entscheidenden Wettstreit im asiatisch-pazifischen Raum verlegen können:

Deutschlands Deindustrialisierung ist der Preis dafür, um zur verlässlichen Säule in besagter imperialer Struktur zu werden!

Ukraine und kontrollierte Eskalation

Die Ukraine steht im Zentrum dieser neuen Ordnung.

Europas Aufgabe besteht nicht darin, die militärische Macht der USA zu ersetzen, sondern die Ukraine langfristig zu stützen und sich die Option offen zu halten, einen eingefrorenen Konflikt eskalieren bzw. „wieder entfachen“ zu lassen, wenn immer dies geopolitisch opportun erschiene – ohne die USA zu zwingen, erneut groß Streitkräfte auf dem Kontinent vorhalten zu müssen. Das erfordert Geld, Logistik und Produktionskapazitäten [der EU-Europäer], doch keine rhetorische Autonomie.

Die neue europäische Finanzarchitektur ist genau darauf angelegt!

Aufrüstung ohne Unabhängigkeit

Die Aufrüstung Europas bedeutet jedoch keine Unabhängigkeit der Verteidigungspolitik: Ganz im Gegenteil!

Die modernste militärische Ausrüstung wird weiter aus den Vereinigten Staaten bezogen, wobei zusätzliche Produktionen unter Lizenz erfolgen, insbesondere in den Staaten Osteuropas. Die im Juli getroffenen transatlantischen Vereinbarungen zur Neuausrichtung von Handel und Sicherheit verpflichten Europa faktisch zu …

… US-Rüstungsbeschaffungen im Wert von rund 600 Mrd. US-Dollar über die kommenden zehn Jahre!

Das bindet den europäischen Militärausbau direkt an die industrielle Kapazitäten der Vereinigten Staaten!

Das ist kein Zufall. Es wird als Preis für Schnelligkeit, Umfang und Interoperabilität propagiert, doch bindet Europa unausweichlich an die U.S.-Befehlsketten und …

… stellt sicher, dass Wall Street wie immer ihren Anteil daraus kassiert!

Europas neue Arbeitsteilung

Was sich abzeichnet, ist kein souveränes Europa, sondern ein funktionales, das nach erkennbar imperialem Mustern organisiert wird:

  • Frankreich liefert politischen Ermessensspielraum und militärische Glaubwürdigkeit. – Deutschland sorgt für Bilanztiefe, während sein exportorientiertes Industriemodell erodiert und Defizitfinanzierung unvermeidlich wird.
  •  Südeuropa fungiert als fiskalische Transmissions- und Nachfragezone.
  • Osteuropa wird zur industriellen Werkstatt, in der lizenzierte Waffenproduktion, energieintensive Fertigung und vorgelagerte Logistik stattfindet, die eng mit NATO-Systemen verknüpft werden.

Das ist keine Konvergenz: Vielmehr ist es Differenzierung!

Strategische Autonomie nur als Polit-Theater

Das Gerede von „strategischer Autonomie“ hält sich hartnäckig, weil es eine nützliche politische Funktion erfüllt. Es ermöglicht den europäischen Staats- und Regierungschefs fiskalische Expansion, Militärausgaben und institutionelle Zentralisierung zu rechtfertigen, ohne zugeben zu müssen, dass diese Veränderungen Europa vielmehr enger an das atlantische System ketten, als diese Bindungen lockern:

Die Rhetorik zielt nach außen, doch die Strukturen nach innen!

Es gibt keinen Ausweg aus diesem System

Eine echte transatlantische Trennung würde Kapitalkontrollen, finanzielle Sanktionen zwischen Verbündeten bzw. den Zusammenbruch der Zusammenarbeit bei der Dollar-Euro-Liquidität erfordern. Nichts davon ist auch nur annähernd plausibel. All dies würde Verluste mit sich bringen, die für beide Seiten zu groß wären, um sie verkraften zu wollen.

Die atlantische Ordnung wird nicht durch guten Willen aufrechterhalten, sondern durch die Tatsache, dass ein Ausstieg finanziell katastrophal ausfallen würde.

Schlussfolgerungen

Die transatlantischen Beziehungen gehen nicht zu Ende: Sie werden lediglich für eine Ära, die von der Rivalität zwischen den USA und China geprägt ist, neu formatiert:

Europa wird rekapitalisiert, zentralisiert und militarisiert – nicht, um sich der amerikanischen Macht zu entziehen, sondern um deren Macht anderswo einsetzbar zu machen. Die USA verlieren Europa nicht: Sie delegieren nur das Management eines Schauplatzes [Besatzungsgebietes], um sich auf einen anderen fokussieren zu können.

Was auf 7 Billionen Dollar an versunkenem Kapital aufgebaut ist, löst sich nicht auf:

Es passt sich nur an – im Dienste des Imperiums!

Übersetzung: UNSER-MITTELEUROPA

[1]
In Deutschland existierte bis zur Jahrtausendwende ein vergleichbares System, die sogenannte Deutschland AG, welche sich als Grundlage des industriellen Aufstiegs von Deutschland nach der Zweiten Reichgründung (1871) entwickelt hatte. Das Konstrukt, Deutschland AG, wurde beginnend mit der Ermordung (30.11.1989) des damaligen Chefs Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, durch atlantische Dienste rückabgewickelt und bis zum Jahr 2008 endgültig eliminiert. Die folgende staatliche Auflösung der BRD im atlantischen Finanzsystem ist damit zwingend vorgegeben.

***

Die Artikel von Ryan Perkins sind Teil einer fortlaufenden Serie, die sich mit der Deindustrialisierung Deutschlands und der Umstrukturierung Europas im Rahmen des US-Imperiums befasst.

Zum Autor: Ryan Perkins ist Senior Analyst und als Editor für den Global Economic Indicator tätig. Er lebt in Peking. Seine Analysen wurden in internationalen Medien wie dem „The Atlantic Magazine“ veröffentlicht und sowohl von Unternehmen wie auch Thinktanks in Anspruch genommen. Sein Substack-Blog erreichte Platz 49 in der Kategorie „Weltnachrichten und Politik“.

Das Buch “Der Geist in der Maschine” von Ryan Perkins über die kapitalistische Technokratie, die oft mit Marxismus verwechselt wird | Quelle: ryanperkins.sustack.com 
  • Der Artikel von Ryan Perkins (27.12.2025) “Vorsätzliche Deindustrialisierung: Deutschlands neue Rolle durch Finanzialisierung im U.S.-Schlachtplan für Europa” im englischen Original: HIER
  • Der UM-Artikel von Ryan Perkins (16.12.2025) „Das Polit-Theater von Friedrich Merz: HIER
  • Der UM-Artikel (29.10.2025) von Ryan Perkins “Deutschlands Deindustrialisierung ist ein Coup des Kapitals! “: HIER
  • Der UM-Artikel von Ryan Perkins (10.11.2025) “Finale im Putsch des Kapitals: Europa zerlegt zwischen USA & China! “: HIER
  • Der UM Artikel zum “Dunklen Deal” (17.1.2025) – wie und wann die geplante, systematische  Vermögensverlagerung in die USA ihren Anfang nahm: HIER
  • Der UM-Artikel von Ryan Perkins (20.11.2025) “Die Vasallisierung Europas & Pax Americana im Zwielicht der Dämmerung: HIER



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Von Redaktion

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