Das stratosphärische Wachstum des Finanzsektors stößt durch überzogene und fiktive Ansprüche auf die Zukunft an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Das System sieht sich gezwungen auf Gewaltlösungen zurückgreifen, um Vermögen noch nicht unterworfener Mächte darüber liquidieren zu lassen.
Der Beitrag von Ryan Perkins auf Deutsch:
„Die neoliberale Revolution hat die Zukunft für ihr Heute verspielt“ – Teil 1b
Das geografische Sicherheitsventil
Im Kern entspricht der Kapitalismus einem Motor für Asymmetrie. Dieser nutzt jene aus, um immer größere Asymmetrien zu erzeugen:
- Asymmetrien bei Nachfrage oder Angebot erzeugen Handel!
- Asymmetrien im Wert erzeugen Gewinne!
- Letztendlich jedoch erzeugt eine Asymmetrie des Kapitals weiteres Kapital!
Doch was geschieht, falls die Asymmetrie bis zum Äußersten ausgereizt würde? Das ergäbe eine Krise der Überakkumulation. Wenn sowohl Arbeitsüberschuss als auch Kapitalüberschuss gleichzeitig vorhanden wären, ohne dass es einen profitablen Abfluss gebe.
Wie Marx es formulierte: Die Kapitalverwalter, die in einen Wettbewerb verstrickt sind, wären gezwungen, in arbeitssparende Maschinen zu investieren, um Kosten zu senken und die Produktivität zu heben. Diese individuell rationale Notwendigkeit führt in ihrer Gesamtheit zu systemischer Irrationalität und Instabilität. Da menschliche Arbeitskraft zunehmend dann aus der Produktion genommen würde, stiege das Angebot unter sinkender Nachfrage. In diesem Fall würde die Rendite des investierten Kapitals – die Profitrate – sinken und der Motor des Systems zum Stillstand kommen.
Genau das macht David Harvey‘s „spatial fix“ für das Kapital zu einer Notwendigkeit. Das Ausgreifen nach geografischem Raum ist keine Option und keine wirtschaftliche Externalität:
Es ist die zentrale Lösung für die wiederkehrenden Krisen des Kapitals!
[Anmerkung der Redaktion zum Begriff „spatial fix“: „Reparatur“ (Abhilfe) über den geographischen Raum, sprich Einverleibung neuer „Kolonien“ anderenorts durch z.B. die USA, wie aktuell Venezuela, Kuba, Grönland, Libyen, Syrien, Irak u. a. m., mit idealerweise Russland und China zur imperial-kolonialen Krönung.]
Überschusskapital manifestiert sich als Überangebot an unverkauften Waren, stillgelegten Fabriken, leeren Büros bzw. als Kapital, das keine Anlagemöglichkeiten mehr fände. Lagerbestände würden in Lagerhallen verrotten, Fabriken stillgelegt, und Geld würde sich in Banken auf der Suche nach Renditen, die nicht mehr zu realisieren wären, stapeln. Arbeitskräfteüberschuss äußerte sich in steigender Arbeitslosigkeit, da die Produktion weniger Arbeitskräfte benötigte oder diese in Anbetracht aktueller Lohnniveaus nicht mehr gewinnbringend beschäftigen könnte. Diese Krise der Arbeitskräfte schafft …
… eine „Überschussbevölkerung“, wie Marx es in einer seiner erschreckenden Formulierungen ausdrückte!
Eine solche „Überschussbevölkerung“ könnte dazu genutzt werden, die Löhne zu disziplinieren und die Gehorsamkeit der noch Beschäftigten sicherzustellen. Das ist das menschliche Gesicht des dem System innewohnenden Widerspruchs.
[Anmerkung der Redaktion: Siehe die Einwanderungskrisen, die das System aus dem Hintergrund organisiert, zur jenen doppelten Disziplinierung.]
Dieser doppelte Überschuss – Kapitalüberschuss und Arbeitskräfteüberschuss – wäre der wiederkehrende Albtraum des Systems. Es handelt sich nicht um einen Zusammenbruch des Systems, sondern um das unvermeidliche Ergebnis der kapitalistischen Logik:
Streben nach Gewinnmaximierung durch Arbeitskräfte-Abbau wäre dasselbe Streben, welches die Gewinn-Quelle beseitigte!
Sobald diese Krise auftrat – sei es im Amsterdam des 17. Jahrhunderts, im London des 19. Jahrhunderts, im Detroit des 20. Jahrhunderts oder an der Wall Street des 21. Jahrhunderts – war das System gezwungen eine brutale Entscheidung zu treffen, um entweder intern oder extern abzuwerten:
- Interne Abwertung entspricht dem Prozess, bei dem der Konjunkturzyklus die Exzesse des Marktes bereinigt. Dabei würde zugelassen, dass Insolvenzen die unteren Schichten der Kapitalklasse ausmerzen. Es würde zugelassen, dass die Löhne wegbrechen und Depression sowie Armut die Arbeiterklasse verwüsten. Marx hat das als die gewaltsame Lösung des Kapitals in Antwort auf dessen eigene Widersprüche beschrieben.
- Externe Abwertung bedeutet, neue Welten zu finden, die man ausplündern kann. Hierzu wird die Ökonomie des Kapitalismus geopolitisch. Denn der Kapitalismus tendiert in einem endlich begrenzten Raum zur Selbstzerstörung. Die Mathematik des Asymmetrie-Motors käme in der Isolation zum Stillstand. Deshalb benötigt man ein Außen. Neue Märkte, um seine Überschussgüter aufzunehmen, neue Arbeitskräfte, die ausgebeutet werden können, neue Ressourcen, die absorbiert werden können, neues Terrain, um sein überschüssiges Kapital aufzunehmen. Das entspricht keiner Entscheidung und Politik. Es ist vielmehr ein struktureller Imperativ, der sich für das System ebenso grundlegend wie das Gewinnstreben darstellt.
David Harvey hat diesem Mechanismus einen Namen gegeben: Den „spatial fix“ [Anmerkung der Redaktion: Eine „Abhilfe durch Expansion“]. Doch es stellt nur eine vorübergehende Lösung dar, welche die Krise, anstatt sie zu lösen, verlagert. Denn jede neue Grenze entwickelt schließlich ihre eigenen Widersprüche und zwingt das System dazu, wieder weiterzuziehen – schneller und noch zerstörerischer.
Diese Lösung durch Raum-[Ergreifung] wirkt an drei Fronten und zieht verschiedene Aspekte der Krise der Überakkumulation nach sich:
- Erstens erzeugt sie neue Nachfrage, indem sie neue, gebundene Märkte schafft und die lokale Bevölkerung in abhängige Konsumenten verwandelt – meist durch Zerstörung indigener oder lokaler Wirtschaftsstrukturen.
- Zweitens wird das neue Gebiet zu einer Quelle billiger Produktionsfaktoren, wie von Rohstoffen und was besonders wichtig ist, von Arbeitskräften. Die Rentabilität würde wiederhergestellt, nachdem die Produktion in Regionen mit niedrigeren Kosten, niedrigeren Löhnen und weniger organisierten Arbeitskräften verlagert wurde.
- Drittens bietet das neue Territorium einen Absatzmarkt für den Überschuss an mobilem Kapital, der sich im Kern angesammelt hat. Riesige neue Projekte absorbieren das Kapital, das andernfalls ungenutzt auf Bankkonten gelegen hätte. Riesige Gewinne werden durch einmalige Investitionen erzielt, beispielsweise in die Schieneninfrastruktur, um Rohstoffe vom Abbauort oder Waren von der Fabrik zu den Häfen transportieren zu lassen.
Cecil Rhodes hatte dies verstanden. Im Jahr 1895, nachdem er Zeuge einer Versammlung von Arbeitslosen im Londoner East End geworden war und „nur den Schrei nach ‚Brot! Brot!‘“ vernahm, formulierte er die brutale Logik, die ein Jahrhundert imperialer Expansion antreiben sollte:
„Ich war mehr denn je von der Bedeutung des Imperialismus überzeugt. Meine geliebte Idee ist eine Lösung für das soziale Problem, d. h., um … das Vereinigte Königreich vor einem blutigen Bürgerkrieg zu bewahren, müssen wir Kolonialisten-Staatsmänner neue Gebiete erwerben, um die überschüssige Bevölkerung anzusiedeln und neue Märkte für die in den Fabriken und Bergwerken produzierten Güter zu erschließen. Das Empire ist, wie ich immer gesagt habe, eine Frage des täglichen Brotes. Wenn man einen Bürgerkrieg vermeiden will, muss man zum Imperialisten werden!“
Rhodes beschrieb besagten „spatial fix“ [Abhilfe durch Raumergreifung], noch bevor dieser Begriff überhaupt aufgekommen war. In seiner Darstellung waren die Kolonien entscheidende Druckventile – keine Symbole des Nationalstolzes. Ohne sie würden die dem industriellen Kapitalismus innewohnenden Widersprüche die Mauern des britischen Staates gesprengt haben. Fabriken würden schließen. Das Kapital würde stagnieren. Die Armut würde um sich greifen. Die Gesellschaft würde sich polarisieren. Die Arbeitslosen würden randalieren oder revoltieren. Das System würde sich selbst zerreißen.
Er hatte natürlich Recht. Seit fünf Jahrhunderten überlebt das System, indem es genau das tut, was Rhodes vorgab: Neue Welten zu finden, um die Widersprüche des Systems zu absorbieren. Durch besagte „raumgreifende Lösung“ hat der Kapitalismus die unvermeidliche Auseinandersetzung mit seinen eigenen inneren Widersprüchen immer wieder aufschieben können.
[Anmerkung der Redaktion: Cecil Rhodes war jener Mann, der zusammen mit ausgewählten Mitstreitern ab 1890 eine Allianz zwischen USA und Großbritannien konzipierte und verdeckt vorantreiben ließ, was in den Ersten Weltkrieg gipfelte. Eine Tatsache, die deutschen „Führern“ selbst 35 Jahre später noch nicht gewahr wurde, sodass diese meinte Großbritannien „helfen“ zu können – siehe „Mein Kampf“.]
Doch Lösungen sind von Natur aus vorübergehend. Jeder neue Markt folgt letztendlich demselben Weg. Jedes neue Arbeitskräftepotenzial organisiert sich zuletzt. Jeder neue Markt produziert schließlich seinen eigenen Kapitalüberschuss, für den es innerhalb der Grenzen des Systems keinen profitablen Absatzmarkt gibt. Jeder neue Markt kommt zur Sättigung, sodass das System weiterzieht – schneller, ausgreifender und unter wachsender Gewalt. Doch nachdem die letzte Grenze zum Ende gekommen ist und es keine Welten [Kolonien], keine [neuen] Märkte mehr zu erobern und keine billigen Ressourcen mehr auszubeuten gab, dann würde diese Stunde der Wahrheit, wie Rhodes für Großbritannien befürchtete – ein „Great Unwinding“ [„eine große Abwicklung“] nach sich ziehen und das gesamte System verschlingen lassen.
Wendepunkt: Von der raumgreifenden zur temporären Lösung
Nachdem die letzten geografischen Grenzen Ende des 20. Jahrhunderts zu Ende gegangen waren, wandte sich das System nach innen, um finanzielle Lösungen für seine internen Krisen zu finden:
Das war die neoliberale Revolution!
Das System vollzog einen Schwenk von einer raumgreifenden zu einer temporären Lösung. Es begann, seine eigene Zukunft zu konsumieren:
- Das System lieh sich vom Morgen, um das Heute aufrechtzuerhalten.
- Es ließ zukünftige Unsicherheiten in den Anschein heutigen Reichtums verwandeln.
Diese Finanzialisierung – das stratosphärische Wachstum des Finanzsektors – ist kein Indikator für wirtschaftliche Gesundheit, sondern die Frucht besagter neoliberalen Revolution.
Um zu begreifen, was geschehen ist, müssen wir das Wesen dessen verstehen, was Marx mit „fiktivem Kapital“ bezeichnete. Denn im grundlegendsten Sinne …
… stellen Aktien, Anleihen, Derivate und alle damit verbundenen Finanzinstrumente kein realen Reichtum dar!
Sie sind nur Ansprüche auf zukünftigen Reichtum in der einen oder anderen Form:
- Es handelt sich um vertragliche Ansprüche auf zukünftige Produktionen, die zum Zeitpunkt der Emission noch nicht existierten.
- Der Aktienmarkt repräsentiert in diesem Sinne kein Eigentum an produktiven Unternehmen, sondern Ansprüche auf noch nicht erwirtschaftete Gewinne.
Das gesamte Finanzgefüge stellt ein gewaltiges Konstrukt aus Ansprüchen auf eine Zukunft dar, die noch nicht eingetreten ist.
Die neoliberale Revolution der letzten fünfzig Jahre hat das Wachstum dieses Schuldenimperiums durch Deregulierung, Privatisierung, Monopolkonsolidierung und den Abbau sozialer Sicherheitsnetze ermöglicht:
- Sie hat die Rolle des Staates von der Bereitstellung sozialer Güter hin zum Dienst an der Verschuldung verlagert
- Sie hat die Bevölkerung darauf konditioniert, Schulden als natürliche Folge des Lebens zu akzeptieren
- Sie hat sich in dem Bestreben, die Gegenwart zu verlängern, zunehmend weiter und weiter in die Zukunft hineingefressen
Dies geschah zu einer Zeit, in der die reale Produktionsbasis ihrer Wirtschaft bereits stagnierte oder sogar geschrumpft war. In diesem Zeitraum bestand die Lösung für jede Krise darin, noch mehr nachzulegen und die Pyramide immer höher zu bauen, bis ihre Spitze kaum noch sichtbar war.
Doch ein Versprechen auf zukünftige Gewinne ist keine Garantie. Dennoch wurden die Gewinne dieser Finanzialisierung – vertraglich gesicherte zukünftige Erträge – bereits ausgegeben: Sie wurden umgewandelt in Herrenhäuser und Superyachten, Privatjets und Weltraumflüge für die Finanzelite!
Betrachtet man beispielsweise den ersten Billionär der Welt:
Elon Musks Vermögen steht nicht für geschaffenen Wert, sondern für angeeigneten Wert!
Der Börsengang von SpaceX stellt Ansprüche auf eine Zukunft dar, die noch nicht eingetreten sind:
- Auf noch nicht geleistete Arbeit
- Auf noch nicht geschaffenen Wert
- Auf eine außerplanetarische Kolonisierung, die vielleicht erst in Generationen, falls überhaupt, stattfinden werde
Der digitale Reichtum, der elektronische Bilanzen füllt, ist nur einer, der vom Morgen geliehen wurde!
Je weiter das System in die Zukunft vordringt, um die Gegenwart zu verlängern, desto verzweifelter wird die Suche nach Sicherheiten, um die Fundamente der Pyramide aufzufangen. Zumal heute auf dem eurasischen Kontinent – dem geopolitischen Herzen der Welt – zwei große Kriege toben, erreichen wir die Endphase dieser Logik. Die temporäre Lösung ist ins Stocken geraten und das System ist zur räumlich [ausgreifenden] Lösung zurückgekehrt. Doch mit einem entscheidenden Unterschied:
Es gibt keine neuen Welten mehr zu erobern!
Nur noch alte Welten, die liquidiert werden müssten: Die verbleibenden staatlichen Vermögenswerte jener Mächte [Anmerkung der Redaktion: Wie z.B. China], denen es gelungen ist, sich der Unterwerfung durch das pyramidale Finanzsystem zu entziehen.
Fukuyamas „Ende der Geschichte“ war in Wahrheit das „Ende [die Grenzen] der Welt“. In das Ende [die Begrenzung] …
… der Welt, in die der [Finanz-]Kapitalismus seine periodischen Krisen und seine systemische Gewalt noch exportieren konnte!
Die Gewalt, die einst in die Peripherie exportiert wurde, musste nun nach Hause zurückkehren. Die temporäre Lösung hat damit versagt, doch was bleibt, ist nur ein letzter verzweifelter Versuch einer endgültigen raumgreifenden Lösung, um eine zusammenbrechende Pyramide rekapitalisieren zu können.
Fortsetzung mit Teil 2 folgt
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Zum Autor: Ryan Perkins ist Senior Analyst und als Editor für den Global Economic Indicator tätig. Er lebt in Peking. Seine Analysen wurden in internationalen Medien wie dem „The Atlantic Magazine“ veröffentlicht und sowohl von Unternehmen wie auch Thinktanks in Anspruch genommen. Sein Substack-Blog erreichte Platz 49 in der Kategorie „Weltnachrichten und Politik“.
Diese neue Serie von Ryan Perkins wird die Anatomie des System-Zusammenbruchs nachzeichnen – von der Verschmelzung des nationalen Kapitals zu transnationalem Kapital und der Entstehung der globalen Finanzhegemonie über die Schaffung des Schuldenstaates und den Aufstieg des fiktiven Kapitals bis hin zur letzten Jagd nach Sicherheiten, um das Gebilde zu stützen. Eine Jagd, die nun droht, uns alle zu verschlingen.

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