Nach der Vasallisierung noch konkurrierender Industriestaaten – heute im Volksmund unter „Westen“ besser bekannt – und Entsorgung staatlicher Souveränitäten, musste und konnte ein neues System des Imperiums zur immerwährenden und finalen Unterwerfung Platz ergreifen.
Der Artikel von Ryan Perkins, „Die sich selbst verzehrende Maschine“, auf Deutsch – Teil 2c
Dieses Kapitel ist weniger eine moralische Anklage als vielmehr eine Untersuchung zur strukturellen Logik des Systems. Dieses war nicht „aus den Fugen geraten“:
Beide Weltkriege symbolisierten nur die tragischen Höhepunkte seiner zugrundeliegenden Logik!
Nachdem das letzte unbesetzte Gebiet und der letzte noch nicht zur Ware kommodifizierte Vermögenswert aufgesaugt worden waren, konnten die imperialen Zentren ihre Überakkumulation nicht mehr durch Expansion entsorgen. So lösten sie jenes Problem durch gegenseitige Vernichtung: Das halbe Jahrhundert interimperialistischer Konflikte von 1904 bis 1945 kennzeichnet die Ära, …
… nachdem dem Kapital die Gebiete ausgegangen waren und es begonnen hatte sich selbst zu verzehren!
Die Gewalt, die das System vier Jahrhunderte [ab dem Jahr 1500] lang aufgebaut hatte, richtete sich jetzt nach innen. In den beiden Weltkriegen sowie Japans fünfzehnjährigem Kontinentalkrieg forderte das System zwischen 85 – und 100 Millionen Menschenleben durch rein militärische sowie direkte zivile Todesfälle bzw. über 120 Millionen, wenn man Grippe, Hungersnöte, Blockaden und Völkermorde mit einbezöge. Nicht nur in den Schützengräben Flanderns und durch den Schrecken an der Ostfront, sondern auch im Zuge der Vergewaltigung von Nanjing, der Hungersnot in Bengalen, dem Massaker von Manila, den Feuerstürmen von Tokio und der atomaren Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki häuften sich weitere Opfer an.
Doch die in Schutt und Asche gebombten Fabriken vermochten die Abschreibungsbilanzen zu bereinigen: Liquidierte Bevölkerungen konnten das Arbeitskräfteangebot wieder richten – verbrannte Währungen tilgten den Schuldenüberhang und glichen dank Leichen die Bilanzen wieder aus, was dem Goldenen Zeitalter des Kapitalismus den Weg ebnen sollte. [11]
Das System tat und tut es immer noch: Genau das, was seine interne Arithmetik verlangt! Seine Entscheidungsträger handeln exakt nach jenen Vorgaben, wie es ihnen die interne strukturelle Logik des Systems aufzwingt. Es ist ein System, das Abweichungen von dieser Logik mit dem Ausschluss aus dem System selbst bestraft.
Das System hegte ein, versklavte, kolonisierte, doch nachdem die Möglichkeit das fortzusetzen ausgeschlossen war, …
… industrialisierte es den totalen Krieg!
Nachdem die Kanonen schlussendlich verstummt waren und die Großen Mächte in Trümmern lagen, trat eine neue Macht auf den Plan, um das Vakuum [Anmerkung der Redaktion: Die geographisch nicht mehr mögliche weiter ausgreifende Expansion] zu füllen. Es war eine Macht, die während der Jahrhunderte der Einhegung und des Imperiums weitgehend auf die andere Seite des Ozeans beschränkt war. Eine Macht, die geduldig zugesehen hatte, wie sich das Ancien Régime selbst und die Welt erschöpft hatte.
Das neue Imperium sollte nicht durch die Eroberung und Verdrängung der alten Imperien errichtet werden; nicht durch das Entfernen von Flaggen und deren Ersatz:
Die neue Macht würde ihr Imperium aufbauen, indem sie die alten Imperien unwiderruflich an sich binden liessen!
Dies geschah, indem die neue Macht das britische Pfund, den französischen Franc, die deutsche Mark und den japanischen Yen in ein einziges, globales Währungsgefüge eingliederte. Sie eroberte jene, indem es sie in ein globales System der Machtverwaltung integrierte. Jede ehemalige imperiale Metropole – London, Paris, Berlin, Rom, Brüssel, Tokio – würde …
… als untergeordneter Knotenpunkt in das globale Imperium des Kapitals eingegliedert werden!
[Anmerkung der Redaktion: Deshalb gibt es inzwischen den Krieg gegen BRICS, eröffnet durch den Überfall auf den Iran, welcher als strategischer Fehler der USA abgetan wird, sodass der andere Teil der Erklärung unter den Tisch fallen müsste.]
Dieses neue Imperium würde nicht im Safari-Anzug von der Vizeköniglichen Residenz aus durch kaiserliche Erlässe herrschen. Es würde in Business-Anzügen der Wall Street herrschen lassen durch:
- Bilanzen und Kreditverträge
- vom Internationalen Währungsfonds auferlegte Strukturanpassungsprogramme
- auf Dollar denominierte Zinszahlungen der Weltbank
- den Status des US-Dollars als Reservewährung
- durch Wertschöpfungsketten-Apartheid.
All das würde noch durch die allgegenwärtige Drohung überwältigender Gewaltanwendung gestützt werden!
Unter dem wohlwollenden Deckmantel des Wiederaufbaus bzw. von Entwicklung nach dem Krieg würde dieses im Entstehen begriffene System die Logik der Einhegung ausweiten, indem es souveräne Nationen zu Klientelstaaten degradieren und ihre kollektiven sozialen Güter und Ressourcen als Sicherheiten für die globale Schuldenarchitektur enteignen lassen würde:
Es ist ein Prozess der finanziellen Unterwerfung, den Kwame Nkrumah zutreffend als Neokolonialismus bezeichnet hat!
Es entspricht einer neuen Form kolonialer Ausbeutung, die zur neoliberalen Globalisierung mutieren würde. Und nachdem dieses Imperium schließlich:
- das letzte verbleibende Territorium kolonialisiert hätte;
- mit IWF-Strukturanpassungsprogramme letzte Vasallenstaaten ausgesaugt hätte;
- die letzten gemeinsamen sozialen Güter verkauft hätte, um die auf Dollar denominierten Schulden bedienen zu lassen;
- die Ressourcen abgezogen hätte …
… dann würde sich das System nach innen wenden und seine eigene Zukunft kolonisieren!
Während in den letzten fünf Jahrhunderten Landstriche in Besitz genommen worden waren, würde die neue Hegemonialmacht nun von der Zeit Besitz ergreifen. Wie diese Verschmelzung des Kapitals zustande kam und das neue Imperium aufgebaut wurde, wird der Gegenstand des nächsten Kapitels [Teil 3] sein.
Fortsetzung mit Teil 3 folgt
Übersetzung: UNSER-MITTELEUROPA
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Zum Autor: Ryan Perkins ist Senior Analyst und als Editor für den Global Economic Indicator tätig. Er lebt in Peking. Seine Analysen wurden in internationalen Medien wie dem „The Atlantic Magazine“ veröffentlicht und sowohl von Unternehmen wie auch Thinktanks in Anspruch genommen. Sein Substack-Blog erreichte Platz 49 in der Kategorie „Weltnachrichten und Politik“.
Quellenangabe
[11] Michael Clodfelter, Warfare and Armed Conflicts, 3. Aufl. (McFarland, 2017), 1095–96, 1243–44 (85–100 Millionen, streng genommen 1914–45); Mike Davis, Late Victorian Holocausts (Verso, 2001), 9–10 (Hungersnot in Bengalen); Edward Drea, Japan’s Imperial Army (Kansas UP, 2016), 312 (japanische Todesopfer); R. J. Rummel, Death by Government (Transaction, 1994), 121 (europäische Todesopfer im Zweiten Weltkrieg); Hudson, Super-Imperialism, 3. Aufl., Kap. 1.
Diese neue Serie von Ryan Perkins wird die Anatomie des System-Zusammenbruchs nachzeichnen – von der Verschmelzung des nationalen Kapitals zu transnationalem Kapital und der Entstehung der globalen Finanzhegemonie über die Schaffung des Schuldenstaates und den Aufstieg des fiktiven Kapitals bis hin zur letzten Jagd nach Sicherheiten, um das Gebilde zu stützen. Eine Jagd, die nun droht, uns alle zu verschlingen.
- Der UM-Artikel von Ryan Perkins (30.7.2026) „Die zweite Front des globalen Finanzimperiums“ – Teil 1a erschien: HIER
- Der UM-Artikel von Ryan Perkins (30.7.2026) „Die zweite Front des globalen Finanzimperiums“ – Teil 1b erschien: HIER
- Der UM-Artikel von Ryan Perkins (3.8.2026) „Der Mythos des Kapitals“ – Teil 2a erschien: HIER
- Der UM-Artikel von Ryan Perkins (3.8.2026) „Der Mythos des Kapitals“ – Teil 2b erschien: HIER
Der Artikel von Ryan Perkins (3.8.2026) “The Inevitability of Collapse in the Age of Financialization” Teil 2 im englischen Original erschien: HIER











