Im zweiten Teil unserer Betrachtung der geopolitischen Situation rund um die Arktis wollen wir die Standpunkte der involvierten Großmächte dazu beleuchten.
Stellungnahmen amerikanischer Politiker
Ja. In den USA gibt es inzwischen eine ganze Reihe konkreter Stellungnahmen von Präsidenten, Regierung und Kongress, die Russland und China als wachsende strategische bzw. militärische Herausforderung in der Arktis bezeichnen. Dabei wird allerdings meist von Abschreckung, militärischer Präsenz und Konkurrenz gesprochen, weniger von einem unmittelbar bevorstehenden Krieg.
Einige besonders aussagekräftige Beispiele:
- In einem Memorandum vom Oktober 2025 erklärte Donald Trump, die USA seien in der Arktis einer „dringenden und wachsenden Bedrohung“ durch strategische Konkurrenz, aggressives militärisches Auftreten und wirtschaftliches Vordringen ausgesetzt. Als Reaktion ordnete er Maßnahmen zum schnelleren Aufbau einer Flotte von Arctic Security Cutters an. Russland und China werden in diesem Dokument zwar nicht ausdrücklich in diesem Satz genannt, sind aber der strategische Hintergrund der amerikanischen Arktispolitik.
- Der republikanische Senator Ted Cruz erklärte 2025 im Senat ausdrücklich, der wachsende Einfluss Russlands und Chinas in der Arktis sei eine direkte Herausforderung für die USA und ihre Verbündeten. Besonders hob er Russlands große Eisbrecherflotte und russische Kriegsschiffe in der Nähe Alaskas hervor. Gegenüber China verwies er auf dessen wachsende Polaraktivitäten und Rohstoffinteressen. Cruz fordert deshalb deutlich mehr amerikanische Eisbrecher und eine stärkere US-Präsenz.
- Die beiden Republikaner Carlos Giménez und August Pfluger erklärten im März 2026 Russland habe seinen militärischen Fußabdruck in der Arktis erheblich ausgeweitet, während China mit Eisbrechern und anderen polartauglichen Schiffen seinen Einfluss ausbaue. Pfluger sagte, der operative Vorteil der USA werde durch China und ein „zunehmend aggressives Russland“ herausgefordert; die USA müssten in der Lage sein, ihre Interessen und Souveränität in der Arktis zu verteidigen.
- Überparteiliche Gruppe von Senatoren: Interessant ist, dass diese Einschätzung keineswegs nur von Republikanern kommt. Eine von Jeanne Shaheen (Demokratin) und Lisa Murkowski (Republikanerin) eingebrachte Senatsresolution vom Juni 2026 bezeichnet ausdrücklich die zunehmende strategische Konkurrenz mit China und Russland in der Arktis als Grund dafür, die militärische Zusammenarbeit mit den arktischen NATO-Staaten zu verstärken. Gleichzeitig betont sie ausdrücklich Frieden, Stabilität und eine regelbasierte Ordnung.
- Die demokratische Senatorin Maggie Hassan: Nach einer überparteilichen Arktisreise im Mai 2026 erklärte sie, starke Beziehungen zu den arktischen Verbündeten seien notwendig, um gemeinsam den wachsenden Bedrohungen durch Russland und China entgegenzutreten. Die Senatoren besuchten dabei unter anderem die amerikanische Pituffik Space Base in Grönland und Spitzbergen/Svalbard.
Zur Grönland-Frage: Senatorin Jeanne Shaheen argumentierte im Januar 2026 gerade gegen eine amerikanische Konfrontation mit Dänemark/Grönland: Eine Spaltung der NATO würde Russland und China nutzen. Wenn die USA den russischen Einfluss in der Arktis begrenzen wollten, sollten sie dies gemeinsam mit ihren Verbündeten tun. Auch die Abgeordneten Blake Moore (Rep.) und Steny Hoyer (Dem.) argumentierten, Dänemark und die USA könnten gemeinsam Russland und China abschrecken; eine Konfrontation um Grönland würde diese Position dagegen schwächen.
Stellungnahme des russischen Außenministers
Der russische Außenminister Sergej Lawrow berichtet umfangreich über die Herausforderungen für die internationale Zusammenarbeit in der Arktis im wissenschaftlichen Magazin „arctic“ welche wir hier in deutscher Übersetzung wiedergeben:
„Die Bewahrung der Arktis als Zone des Friedens und der Zusammenarbeit entspricht den Interessen der gesamten internationalen Gemeinschaft und denen Russlands. Zugleich gibt es auch jene, die einen solchen Standpunkt nicht teilen.
Wie ließe sich sonst die Tatsache erklären, dass die NATO-Staaten unter dem Schirm ihres Militärbündnisses auf eine Militarisierung der Region und die Schaffung von Spannungsherden insgesamt hinarbeiten?
Im Februar 2026 begann NATO mit der Durchführung der Operation „Arctic Sentry“, die auf die Ausweitung ihrer militärischen Präsenz in den hohen Breiten abzielt. In unmittelbarer Nähe unserer nördlichen Grenzen werden verstärkte militärische Vorbereitungen getroffen. Es finden groß angelegte Übungen aggressiver Ausrichtung unter Einbeziehung außerregionaler Staaten statt und es entstehen neue Elemente der Kommando- und Stabsstruktur von NATO.
Eine solche militärische Aktivität im Hohen Norden schafft direkte Bedrohungen für die Sicherheit Russlands. Das Risiko von Zwischenfällen, die eine bewaffnete Konfrontation mit potenziell katastrophalen Folgen provozieren könnten, nimmt zu.
Die bewusste und gezielte Schaffung einer Atmosphäre des Misstrauens im militärischen Bereich erfolgt parallel zu den Versuchen des Westens, die legitimen Rechte Russlands im Bereich der internationalen Zusammenarbeit mit juristischen und natürlichen Personen aus Ländern der Weltmehrheit, die an der Umsetzung
gemeinsamer Projekte in der arktischen Region beteiligt sind, mithilfe illegitimer Finanz- und Wirtschaftssanktionen zu untergraben.
NATO-Mitglieder und andere Vertreter des Westens verbergen nicht ihre wahren Motive, indem sie es zu ihrer Aufgabe erklären:
Die Arktis in eine neue Front der Konfrontation zu verwandeln, um die Entwicklung unseres Landes und der mit uns Gleichgesinnten eindämmen zu lassen!
Eine der Erscheinungsformen der antirussischen Politik des Westens war die Blockierung der Arbeit einst wirksamer Mechanismen multilateraler Zusammenarbeit im Hohen Norden. Ein Teil davon hat aufgehört zu existieren und die Tätigkeit anderer hat ohne die Beteiligung Russlands weitgehend ihren Sinn verloren, nachdem Russland vor dem Hintergrund feindseliger Schritte gezwungen war, die Beziehungen zu besagten Mechanismen abbrechen zu lassen:
Das noch einzige erhaltene zwischenstaatliche Format ist der Arktische Rat, der vor rund 30 Jahren – am 19. September 1996 – gegründet worden war!
Der Arktische Rat sieht nicht in bester Verfassung seinem Jubiläum entgegen. Seit März 2022 befindet sich besagter Rat infolge der Handlungen seiner westlichen Mitgliedstaaten in einem nur „eingefrorenen“ Zustand und durchlebt eine extrem schwere Krise. Ministertreffen und Sitzungen des wichtigsten Koordinierungsgremiums – des Ausschusses Hoher Offizieller – finden nicht statt, was Möglichkeiten zur Umsetzung von Projekten einschränkt. Die Tätigkeit der Organisation beschränkt sich im Wesentlichen auf Kontakte auf Expertenebene und Treffen der Arbeitsorgane im Online-Format.
Russland ist bereit, die vollwertige Tätigkeit des Arktischen Rates wieder aufzunehmen, sofern die anderen Teilnehmer fair blieben, um die legitimen Interessen aller Teilnehmer gegenseitig berücksichtigen zu lassen. Wir sind jedoch auch vorbereitet auf ein Szenario, welches NATO-Staaten derzeit innerhalb der Organisation verfolgen:
NATO versucht, arktische Probleme ohne Russland im eigenen engen Kreis zu lösen!
Damit zielt im Grunde auf eine Diskreditierung und Marginalisierung des Arktischen Rates ab. Für eine solchen Fall verfügen wir über Territorien, Logistik, Technologien und zuverlässige Partner für gegenseitig vorteilhafte Projekte, um Russlands Pläne in der Arktis sicher umzusetzen.
Zukunft der internationalen Zusammenarbeit in der Arktis
Ein Blick auf die Weltkarte genügt, um zu erkennen, dass Russland ein führender arktischer Staat war, ist und auch bleiben wird. Bedingt durch Klimawandel und anhaltendes Abschmelzen des Polareises werden nach Prognosen von Experten die verkehrstechnische Erreichbarkeit und der Zugang zu den Ressourcen der Arktis zunehmen. Die Region beginnt bereits, eine unersetzliche Rolle bei der Gewährleistung stabiler Handelsverbindungen vor dem Hintergrund immer häufigerer Störungen der Logistikketten, insbesondere in den für die internationale Wirtschaft systemrelevanten Meerengen des Weltmeeres, zu spielen.
Die strategische Bedeutung der Arktis bei der Umsetzung der nationalen Interessen zur Sicherheit unseres Landes wird zunehmen. Wir werden die umfassende Erschließung der hohen Breiten samt dem Ausbau der Infrastruktur unserer Arktischen Zone im Einklang mit der russischen Gesetzgebung und den Entwicklungszielen des Landes weiter nachgehen.
Bei unserer wirtschaftlichen Tätigkeit werden wir weiterhin davon ausgehen, dass die arktischen Meeresräume ein untrennbarer Bestandteil des Weltmeeres sind. Darauf dehnen sich in vollem Umfang die Bestimmungen des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen von 1982 aus, die den Küstenstaaten besondere Rechte und Pflichten in der Polarregion zuweisen. Das Bekenntnis zu diesen Rechten und Pflichten ist in der 2008 verabschiedeten Ilulissat-Erklärung der „arktischen Fünf“ – Russland, Dänemark, Kanada, Norwegen und USA – festgehalten. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehen wir keine Notwendigkeit, neue völkerrechtliche Instrumente zur Regelung wirtschaftlicher und sonstiger Aktivitäten in den hohen Breiten auszuarbeiten.
[Anmerkung der Redaktion: Ilulissat ist eine Küstenstadt im westlichen Grönland.]
Die russische Außenpolitik in der Polarregion wird ihren umfassenden und pragmatischen Charakter beibehalten. Wir unterstützen die Herausbildung der Arktis als untrennbaren Bestandteil eines gesamtkontinentalen Raumes der Sicherheit zur Zusammenarbeit in Eurasien.
Unsere heutigen Gegner hätten schon längst zahlreiche Lehren aus der Geschichte ziehen können, um zu erkennen:
- Es ist aussichtslos, mit Russland in der Sprache von Sanktionen und Drohungen zu kommunizieren.
- Unfreundliche, feindselige Handlungen haben und werden angemessene Reaktion, darunter auch asymmetrische, erhalten.
- Russland bevorzugt den konstruktiven Dialog in Bezug auf alle Regionen der Welt.
- Doch falls notwendig sind wir bereit, unsere nationalen Interessen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen.
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Teil 1 HIER
Arktis als neue NATO-Frontlinie gegen Russland – Teil 1: allgemeine Betrachtung
Von unserer Redaktion ‚Zeitgeschichte und Globalpolitik‘.
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