Emmanuel Todd ist französischer Historiker, Anthropologe, Demograf, Soziologe und Politikwissenschaftler und am Nationalen Institut für demografische Studien (INED) in Paris tätig. Er ist renommierter Autor, der sich vom morbiden Zeitgeist des Westens nicht verbiegen lässt.
Der Vortrag von Emmanuel Todd in Moskau, gehalten am
23. April 2025 vor der Russischen Akademie der Wissenschaften
Von EMMANUEL TODD | Nach Budapest nun Moskau: Hier ist der Text meines Vortrags mit dem Titel „Anthropologie und strategischer Realismus in internationalen Beziehungen”, den ich am 23. April 2025 vor der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau hielt:
Mein Auftritt hier macht mich nervös. Ich halte oft Vorträge in Frankreich, Italien, Deutschland, Japan und der angloamerikanischen Welt – mit anderen Worten: Im Westen. Dabei trete ich in meiner Welt auf, zugegebenermaßen mit einer kritischen Perspektive, aber dennoch innerhalb des westlichen Umkreises. Heute verhält es sich anders: Ich befinde mich in Moskau, in der Hauptstadt des Landes, das sich dem Westen widersetzt und aller Voraussicht diese Herausforderung meistern wird. Hinsichtlich der psychologischen Ebene stellt das eine ganz andere Aufgabe dar.
Anti-ideologisches Selbstporträt
Zu Beginn möchte ich mich erst einmal vorstellen, nicht aus Narzissmus, sondern weil Menschen, die mit Verständnis oder sogar Sympathie auf Russland blicken und aus Frankreich oder anderswoher kommen, von einem bestimmten ideologischen Profil geprägt sind. Sehr oft sind diese Menschen dem konservativen rechten Lager oder dem populistischen Milieu zuzuordnen, was sie ein a priori ideologisches Bild auf Russland projizieren lässt. Nach meiner Einschätzung basieren ihre ideologischen Sympathien auf zu wenig Realismus, doch Phantasien. Ich rechne mich ganz und gar nicht jener Kategorie zu.
In Frankreich würde man mich als linken Liberalen, der sich grundsätzlich der liberalen Demokratie verpflichtet fühlt, bezeichnen. Von den Leuten, die sich der liberalen Demokratie verpflichtet fühlen, unterscheidet mich, dass ich als Sozialanthropologe, der durch Analyse von Familiensystemen die Vielfalt der Welt kennt, große Toleranz gegenüber fremden Kulturen empfinde und nicht den Grundsatz vertrete, dass jeder den Westen nachzuahmen hätte. Die Neigung, alles besser zu wissen, ist in Paris traditionell besonders verankert. Ich [jedoch] glaube, dass jedes Land seine eigene Geschichte, Kultur und eigenen Weg vertritt.
Nichtsdestoweniger muss ich gestehen, dass eine emotionale Komponente in mir meine wahre Sympathie für Russland und vielleicht auch meine Fähigkeit erklärt, mich den Argumenten Russlands in der aktuellen geopolitischen Konfrontation nicht zu verschließen. Meine Offenheit gegenüber Russland basiert nicht auf seiner ideologischer Grundlage, sondern entspringt einem Gefühl der Dankbarkeit, weil Russland uns vom Nationalsozialismus befreit hat. Jetzt ist es an der Zeit, dies auszusprechen, da schon bald am 9. Mai das Jubiläum zum Tag des Sieges gefeiert werden wird. Die ersten Geschichtsbücher, die ich mit 16 Jahren las, handelten vom Krieg der Roten Armee gegen den Nationalsozialismus. Mich trägt dabei das Gefühl einer Schuld, das es anzuerkennen gilt.
Ich möchte anmerken, dass mir bewusst ist, dass Russland aus eigener Kraft und Anstrengungen aus dem Kommunismus herausgekommen ist und es im Zuge der Übergangsphase enorm gelitten hat. Ich glaube, dass der Verteidigungskrieg, in den der Westen Russland nach all diesen Leiden, gerade als es wieder auf die Beine kam, gezwungen hat, ein moralisches Versagen des Westens darstellt. Soviel zur ideologischen oder vielmehr emotionalen Dimension. Was den Rest angeht, so bin ich kein Ideologe. Ich verfolge kein Programm für die Menschheit, sondern bin Historiker, Sozialanthropologe und sehe mich als Wissenschaftler. Was ich zum Verständnis der Welt und insbesondere der Geopolitik beitragen kann, beruht vielmehr auf meinen professionellen Kompetenzen.
Anthropologie und Politik
Ich wurde an der Universität Cambridge in England als Forscher für Geschichte und Anthropologie ausgebildet. Mein Doktorvater hieß Peter Laslett. Er hatte entdeckt, dass die englische Familie des 17. Jahrhunderts einfach, kernfamiliär und individualistisch strukturiert war. Ihre Kinder hatten sehr früh auf eigenen Füssen zu stehen. Dann bekam ich in Cambridge einen weiteren großen britischen Historiker, der noch lebt, Alan Macfarlane, als Zweitgutachter für meine Dissertation. Er hatte verstanden, dass es einen Zusammenhang zwischen dem politischen und wirtschaftlichen Individualismus der Briten – und damit der Angelsachsen im Allgemeinen – und der von Peter Laslett in der Vergangenheit Englands identifizierten Kernfamilie, gibt.
Ich war Student dieser beiden großen britischen Historiker. Im Grunde habe ich Macfarlanes Hypothese verallgemeinert. Mir wurde klar, dass die Genese des Kommunismus auf seinem Höhepunkt Mitte der 1970-er Jahre der Charakteristik eines Familiensystems, welches ich als kommunitaristisch bezeichne (andere nennen es patriarchalische Familie oder Großfamilie), sehr ähnlich war: Ein Familiensystem, das in gewisser Weise das konzeptionelle Gegenteil des britischen Familiensystems darstellt.
Nehmen wir zum Beispiel die russische Bauernfamilie. Ich bin kein Russland-Experte, aber ich kenne Listen mit den Namen der Einwohner aus dem 19. Jahrhundert, welche russische Bauernfamilien beschreiben. Diese waren nicht wie die englischen Bauernfamilien des 17. Jahrhunderts kleine Kernfamilien – Vater, Mutter, Kinder – sondern riesige Haushalte mit einem Mann, seiner Frau, seinen Söhnen, den Frauen dieser Söhne und Enkelkindern. Dieses System war patrilinear, zumal die Familien ihre Frauen austauschten, um sie zu Ehefrauen zu machen. Die kommunitäre Familie findet sich in China, Vietnam, Serbien und Mittelitalien, sprich in Regionen, die kommunistisch gewählt hatten. Eine der Besonderheiten der russischen kommunitären Familie war, da sie erst vor kurzem entstanden war, dass sie Frauen einen hohen Status zukommen liess.
Die russische kommunitäre Familie entstand zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Die chinesische Gemeinschaftsfamilie entstand schon vor Beginn unserer Zeitrechnung. Die russische Gemeinschaftsfamilie existierte einige Jahrhunderte lang – die chinesische Gemeinschaftsfamilie besteht seit über zwei Jahrtausenden.
Diese Beispiele verdeutlichen meine Wahrnehmungen von der Welt: Ich sehe keine abstrakte Welt, sondern eine Welt, in der jede der großen Nationen, sowie jede der kleinen Nationen eine bestimmte ländliche (bäuerliche) Familienstruktur auswies, eine Struktur, die noch heute viel von deren aktuellen Verhalten erklärt.
Ich kann weitere Beispiele nennen: Japan und Deutschland, die sich in industrieller Hinsicht und in ihrer Vorstellung von Hierarchie recht ähnlich sind und auch eine gemeinsame Familienstruktur ausweisen, die sich jedoch vom Typus der Kernfamilie und Gemeinschaftsfamilie, durch deren Stammfamilie, auf die ich in diesem Vortrag jedoch nicht eingehen werde, unterscheidet.
Wenn man heute die Medien betrachtet, sprechen Journalisten und Politiker dort über Donald Trump und Wladimir Putin, als wären sie grundlegende Protagonisten der Geschichte oder gar die Akteure, welche ihre Gesellschaft prägten. Doch ch sehe diese in erster Linie als Ausdruck nationaler Kulturen, die wiederum selbst expansiv, stabil oder dekadent verlaufen können.
Ich möchte eines zu meiner Reputation klarstellen: 95% meines Lebens als Forscher habe ich der Analyse von Familienstrukturen gewidmet, ein Thema, zu dem ich Bücher mit einem Umfang von 500 bis 700 Seiten verfasst habe. Aber dafür wurde ich weltweit nicht bekannt. Ich bin bekannt für drei geopolitische Essays, in denen ich mein Wissen über besagte anthropologischen Hintergründe genutzt habe, um zu verstehen, was vor sich ging.
1976 veröffentlichte ich „The Final Fall: An Essay on the Decomposition of the Soviet Sphere” (Der endgültige Fall: Ein Essay über den Zerfall der sowjetischen Sphäre), in dem ich den Zusammenbruch des Kommunismus vorhersagte. Der Rückgang der Geburtenrate russischer Frauen zeigte, dass die Russen Menschen wie alle anderen waren, die sich im Prozess der Modernisierung befanden und dass der Kommunismus keinen Homo Sovieticus geschaffen hatte. Vor allem hatte ich zwischen 1970 und 1974 einen Anstieg der Kindersterblichkeit in Russland und der Ukraine feststellen können.
Der Anstieg der Kindersterblichkeit über das Jahr zeigte, dass das System zu zerfallen begann. Ich schrieb dieses erste Buch in sehr jungen Jahren, als ich 25 Jahre alt war, doch musste etwa 15 Jahre warten, bis sich meine Vorhersagen bewahrheitet hatten.
Im Jahr 2002 schrieb ich ein zweites geopolitisches Buch, After the Empire: The Breakdown of the American Order [„Nach dem Imperium: Der Zusammenbruch amerikanischer Ordnung“ (Anmerkung der Redaktion: Die deutsche Ausgabe natürlich germany-gerecht „entschärft“ hieß: „Weltmacht USA: Ein Nachruf“], zu einer Zeit, als alle über die amerikanische Hypermacht sprachen. Uns wurde gesagt, dass Amerika auf unbestimmte Zeit die Welt auf eine unipolare Weise dominieren würde. Ich vertrat das Gegenteil: Nein, die Welt sei zu groß, die relative Größe Amerikas schrumpfe wirtschaftlich und Amerika werde diese Welt nicht kontrollieren können. Das hat sich als wahr erwiesen. [Anmerkung der Redaktion: Nur die offizielle Linie von 90% aller EU-Staaten verfolgt bis heute eine dazu konträre Politik].
In „After the Empire“ gibt es eine besonders zutreffende Vorhersage, die sogar mich [bis heute positiv] „überrascht“. Ein Kapitel trägt die Überschrift „Die Rückkehr Russlands“: Darin sage ich die Rückkehr Russlands als Großmacht, allerdings auf der Grundlage sehr weniger Anhaltspunkte, voraus. Ich hatte lediglich beobachtet, dass die Kindersterblichkeit wieder zurückging (zwischen 1993 und 1999, nach einem Anstieg zwischen 1990 und 1993). Doch ich realisierte instinktiv, dass der kommunitaristische kulturelle Hintergrund Russlands, der in einer Übergangsphase den Kommunismus hervorgebracht hatte, die Phase der Anarchie der 1990er Jahre durchstehen würde und eine stabile Struktur darstellte, die einen Konsolidierung wieder ermöglichen würde.
Es gibt jedoch einen großen Fehler in diesem Buch: Ich sage darin eine autonome Zukunft für Westeuropa voraus. Und es gibt eine Auslassung: Ich erwähne China nicht darin.
Das bringt mich zu meinem neuesten geopolitischen Buch, das meiner Meinung nach mein letztes sein wird: La Défaite de l’Occident (Der Niedergang des Westens – Ökonomie, Kultur und Religion im freien Fall). Um über dieses Buch zu sprechen, bin ich hier in Moskau. Es sagt voraus, dass der Westen in der geopolitischen Konfrontation, die durch den Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine ausgelöst wurde, eine Niederlage erleiden werde. Wieder einmal stehe ich im Widerspruch zur allgemeinen Meinung meines Landes bzw. meiner [eigenen] Seite, zumal ich ein Westler bin. Zunächst möchte ich darlegen, warum es mir leichtfiel, dieses Buch zu schreiben. Weiters möchte ich versuchen zu erklären, warum es mir inzwischen, da die Niederlage des Westens sicher scheint, viel schwerer fällt, den Prozess der Dislokation des Westens kurzfristig zu begründen, während ich dennoch eine langfristige Prognose zum weiteren Niedergang Amerikas abgeben kann.
Wir befinden uns an einem Wendepunkt: Wir bewegen uns von der Niederlage zur Verwerfung. Was mich vorsichtig macht, ist meine Erfahrung beim Zusammenbruch des sowjetischen Systems. Ich hatte diesen Zusammenbruch vorhergesagt, aber ich muss gestehen, dass ich, als das sowjetische System tatsächlich zusammenbrach, nicht in der Lage war, das Ausmaß der Dislozierung und des Leids, das diese Verwerfung für Russland mit sich gebracht hatte, vorherzusehen.
Ich hatte nicht verstanden, dass Kommunismus nicht nur eine wirtschaftliche Organisation darstellte, sondern auch einen Glauben, eine Quasi-Religion, die das soziale Leben in Russland und der Sowjetunion strukturierte. Die Entwurzelung des Glaubens trug dazu bei, eine psychologische Desorganisation herbeizuführen, welche weit über die wirtschaftliche Auflösung hinausging. Wir stehen heute im Westen vor einer ähnlichen Situation. Was wir erfahren, ist nicht nur ein militärisches und wirtschaftliches Scheitern, sondern eine Entwurzelung der Überzeugungen, die das gesellschaftliche Leben im Westen über mehrere Jahrzehnte geprägt hat.
Von der Niederlage zur Entwurzelung
Ich erinnere mich noch sehr gut an den Kontext, zu dem ich den „Niedergang des Westens“ geschrieben habe. Im Sommer 2023 weilte ich in meinem kleinen Haus in der Bretagne.
Während Journalisten in Frankreich und anderswo begeistert die (herbeifantasierten) „Erfolge“ der ukrainischen Gegenoffensive kommentierten, kann ich mich noch genau erinnern, wie ich ruhig schrieb: „Die Niederlage des Westens ist sicher“. Damit hatte ich überhaupt kein Problem. Wenn ich heute hingegen von Entwurzelung spreche, nehme ich das angesichts der Ereignisse in einer Haltung der Demut hin. Trumps Verhalten ist eine Inszenierung der Unsicherheit. Die Kriegslust jener Europäer, welche den Krieg an der Seite der Amerikaner verloren haben und nun davon ausgehen, ihn ohne die Amerikaner gewinnen zu können, ist wahrlich überraschend.
Das ist die Gegenwart. Kurzfristige Ereignisse sind sehr schwer vorherzusagen. Andererseits scheinen mir die mittel- und langfristigen Entwicklungen im Westen, insbesondere in den Vereinigten Staaten – natürlich ohne [letzte] Gewissheit – leichter zu verstehen und vorherzusagen. Schon sehr früh, im Jahr 2002, hatte ich, wie gesagt, eine positive mittel- und langfristige Vision für Russland abgegeben. Aber heute vertrete ich eine sehr negative mittel- oder langfristige Sicht im Hinblick auf die Vereinigten Staaten. Was wir derzeit erleben, ist nur der Anfang des Niedergangs der Vereinigten Staaten, doch wir haben uns auf noch dramatischere Ereignisse einzustellen.
Die Niederlage des Westens: Eine einfache Vorhersage
Lassen Sie mich zunächst auf das Modell zur „Die Niederlage des Westens” zurückkommen. Dieses Buch ist bereits erschienen, wenn auch noch nicht auf Englisch, doch jeder kann nachprüfen, was darin steht. Ich werde erklären, warum es relativ einfach war, sich diese Niederlage vorzustellen. In den Jahren zuvor hatte ich bereits die Rückkehr Russlands zur Stabilität in aller Ausführlichkeit analysiert.
Ich lebte nicht in der westlichen Fantasievorstellung eines monströsen Putin-Regimes, nach der Putin der Teufel und Russen Idioten oder Leibeigene wären, was der vorherrschenden westlichen Sichtweise entspricht. Ich hatte „Russland – die Rückkehr der Macht“ gelesen, ein ausgezeichnetes Buch eines wenig bekannten Franzosen, David Teurtrie, welches kurz vor dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine veröffentlicht worden war. Darin beschrieb er den Neustart der russischen Wirtschaft, ihrer Landwirtschaft samt ihren Exporten von Kernkraftwerken. Er führte, dass Russland sich seit 2014 darauf vorbereitet hätte, um sich vom westlichen Finanzsystem abzukoppeln.
Ich konnte auf meine üblichen Indikatoren, die eher die soziale als die wirtschaftliche Stabilität widerspiegeln, zurückgreifen. Ich hatte weiterhin die Säuglingssterblichkeitsrate, als den statistischen Indikator, den ich am häufigsten heranziehe, beobachtet. Kinder unter einem Jahr sind die verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft und ihre Überlebenschancen stellen den empfindlichsten Indikator für den sozialen Zusammenhalt und die Effizienz einer Gesellschaft dar. In den letzten 20 Jahren ist die Säuglingssterblichkeitsrate in Russland immer schneller gesunken, obwohl die Gesamtsterblichkeit in Russland, insbesondere bei Männern, unbefriedigend bleibt. Seit mehreren Jahren liegt die Säuglingssterblichkeitsrate in Russland unter jener der USA.
Die amerikanische Säuglingssterblichkeitsrate ist einer der Indikatoren, welche zeigt, dass es den USA nicht gut geht. Leider scheint es, dass die steigende Säuglingssterblichkeitsrate Frankreichs, dabei ist, die von Russland zu überholen. Als Franzose ist das zwar schmerzhaft für mich wahrzunehmen, aber als Historiker muss ich imstande sein, Dinge zu berücksichtigen und zu analysieren, die mir auch nicht zusagen. Die Geschichte, die sich gerade entfaltet, ist nicht dazu da, mir zu gefallen. Sie ist dazu da, um studiert zu werden.
Zufriedenstellende wirtschaftliche Entwicklung und die soziale Stabilisierung Russlands
Hinzu kam der rasche Rückgang der Selbstmord- und Mordraten in den Jahren 2000-2020. Ich verfüge über all diese Indikatoren und auch mein Wissen über den kommunitären familiären Hintergrund Russlands, seiner ländlichen Herkunft, die zwar nicht mehr sichtbar existiert, aber weiterhin die Gesellschaft prägt. Natürlich gibt es die russische Bauernfamilie des 19. Jahrhunderts nicht mehr. Aber ihre Werte leben in den Interaktionen zwischen den Menschen fort. In Russland gibt es immer noch Werte wie Autorität, Gleichheit und Gemeinschaft, die für einen besonderen sozialen Zusammenhalt sorgen.
Es handelt sich um eine Hypothese, die moderne Männer und Frauen, welche in das städtische Leben integriert sind, schwer zu akzeptieren scheinen. Ich bin gerade in Moskau angekommen, das ich 2025 neu entdeckte und sich seit meiner letzten Reise dorthin im Jahr 1993 verändert hat: Moskau ist eine riesige, moderne Stadt. Wie kann man sich in einem solchen materiellen und sozialen Kontext das Fortbestehen von Gemeinschaftswerten aus dem 19. Jahrhundert vorstellen? Doch ich tue es, wie auch anderswo. Diese Erfahrung habe ich zum Beispiel in Japan gemacht. Auch Tokio ist mit seinen 40 Millionen Einwohnern eine riesige Stadt, doppelt so groß wie Moskau. Aber es ist leicht zu erkennen und zu akzeptieren, dass sich dort ein japanisches Wertesystem, das aus einer alten Familienstruktur hervorgegangen ist, erhalten hat. Bei Russland empfinde ich dasselbe, mit dem Unterschied, dass die autoritäre und egalitäre russische Gemeinschaftsfamilie nicht der autoritären und ungleichen japanischen Stammfamilie entspricht.
Wirtschaft, Demografie, Familienanthropologie: Im Jahr 2022 hatte ich nicht den geringsten Zweifel an der Solidität Russlands. So habe ich seit Beginn des Krieges in der Ukraine mit einer Mischung aus Belustigung und Traurigkeit beobachten können, wie französische Journalisten, Politiker und Politikwissenschaftler ihre Hypothesen über die Fragilität Russlands und den bevorstehenden Zusammenbruch seiner Wirtschaft, seines Regimes und dergleichen, in den Raum stellten.
Fortsetzung Teil 2 folgt
Übersetzung: UNSER-MITTELEUROPA
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- Das Interview zum Buch „Der Westen im Niedergang“ in zwei Teilen: HIER
- Emmanuel Todd zur Zerrüttung des Westens und was und droht: HIER
- Emmanuel Todd zur Gemeinsamkeit von Hitlerismus, Trumpismus, Nethanjahuismus in zwei Teilen: HIER
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