Der Autor und Analyst, Ryan Perkins, legt dar, dass die Wiederaufrüstung Europas keine Souveränität EU-Europas bewirkt, sondern lediglich eine Aufgabenübertragung vom atlantischen Hegemon an die EU darstellt.
Ryan Perkins: Wie Energie-, Finanz- und Kriegsplanung die
EU zu einem funktionierenden imperialen Franchise degradiert
Der Artikel von Ryan Perkins zur Ukrainisierung der EU
als imperialer Franchise der USA in deutscher Übersetzung
Der jüngste Diskurs zwischen Mark Rutte [NATO-Generalsekretär] und dem französischen Außenminister Jean-Noël Barrot zum Thema einer europäischen Armee wurde geläufig als transatlantischer Streit interpretiert: Atlantizismus gegen „strategische Autonomie“ – NATO versus Europa bzw. Washington gegen Paris. Doch dabei wurde politisches Theater mit struktureller Realität verwechselt.
Was tatsächlich verhandelt wird, ist nicht die Unabhängigkeit Europas, sondern die Frage, wie imperiale Verantwortung wegdelegiert werden könnte.
Die Warnung von Rutte vor Illusionen bezüglich einer eigenständigen europäischen Armee geschah nicht in Verteidigung amerikanischen Großmutes. Es war nur eine Klarstellung zur Hierarchie:
Europa soll die Macht der USA nicht ersetzen, sondern operativ nur so autark werden, …
… sodass es Eskalationsrisiken im Auftrag Washingtons bewältigen könnte!
Frankreichs Gegenargument, wonach Europa mehr Verantwortung für seine eigene Verteidigung übernehmen müsse, klingt zwar kontrovers, fügt sich in der Praxis jedoch nahtlos in denselben Rahmen ein.
Besagte Logik kommt auch in der US-amerikanischen Nationalen Verteidigungsstrategie (NDS) 2026 ausdrücklich zum Ausdruck. Verbündete werden als „Kraftmultiplikator“ bezeichnet und dazu aufgefordert, „mehr zu tun[1]“. Ohne Beschönigungen handelt es sich hierbei um eine imperiale Auslagerung, sprich ein imperiales Franchise-Modell. Europa wird aufgefordert, sich rasch zu militarisieren – nicht, um seine eigene Souveränität verteidigen zu können, sondern um einen Puffer, Vorposten und vorfinanziertes Kampfgebiet darzustellen. Die Kosten – fiskalischer, industrieller, politischer und sozialer Art – sollen lokal getragen werden, während die Kontrolle über die Eskalationen in Washington verbliebe.
Europas strategische Entscheidungsspielräume sind durch das Ausmaß seiner finanziellen Verflechtungen mit den Vereinigten Staaten begrenzt. Transatlantische Investitionen sind nicht marginal, sondern strukturell geprägt und beinhalten weitreichende Eigentumsverflechtungen, gemeinsame Gewinnströme, eingebettet in einer komplexen Finanzinfrastruktur, die sich auf Knotenpunkte wie solche in den Niederlanden, Luxemburg und Irland fokussiert. Daten der OECD und des IWF bestätigen, dass selbst nach Abzug der Durchleitungs-Jurisdiktionen gegenseitige Verflechtungen nach wie vor enorm blieben. Das Ausmaß der Verflechtungen lässt eine sinnvolle wirtschaftliche Trennung ohne traumatische Umstrukturierungen der über Jahrzehnte aufgebauten Unternehmensbilanzen und Finanzsysteme unrealistisch erscheinen.



Diese Integration [zwischen USA und EU] vollzieht sich jedoch innerhalb einer zutiefst ungleichen Währungsarchitektur. Dem Euro fehlen die Institutionen einer echten Fiskalunion – es gibt kein gemeinsames Finanzministerium, keinen einheitlichen Markt für Staatsanleihen, keinen eindeutigen Kreditgeber letzter Instanz, weshalb die Staaten der Eurozone in Krisenzeiten auf die vom Dollar denominierten globalen Kapitalmärkte angewiesen blieben. Die Krisen der 2010er Jahre vertieften diese Abhängigkeit und verankerten die europäische Stabilität im Dollarsystem, auch wenn die EZB einen Zusammenbruch verhindern konnte. Das Ergebnis ist eine Währung, die zwar nach Autonomie strebt, aber strukturell weiterhin dem finanz-politischen Einfluss der USA ausgesetzt bleibt, was Europa in Bezug auf sinnvolle, strategische Handlungsmöglichkeiten stark einschränkt.
Aus dieser Perspektive betrachtet geht es bei der Debatte um die europäische Armee nicht um Autonomie:
Vielmehr geht es lediglich um eine Lastenverlagerung!
Jüngste Äußerungen von Offiziellen, die vor einem möglichen Krieg mit Russland innerhalb der nächsten „zwei bis drei Jahre“ warnen, sind nur in einem solchen Kontext zu verstehen. Die Warner stellen keine Vorhersage russischer Intentionen dar, sondern spiegeln nur den Zeitplan der europäischen Aufrüstung wieder. Operativ gesehen implizieren diese Vorgaben ein Zeitfenster, in dem Europa seine Militarisierung – einschließlich der systematischen Aufrüstung der Ukraine – in Vorbereitung auf eine erneute Konfrontation zu vollenden hätte. Europa wird nicht als Vermittler positioniert, sondern zum primären Gebiet des [Konflikt-]Schauplatzes strukturiert. Der Zeitplan dafür ist mutmaßlich auf die künftige geopolitische Konfrontation bzw. Eskalation der USA im asiatisch-pazifischen Raum abgestimmt.
An dieser Stelle rückt die Energiepolitik in den Mittelpunkt und spielt keine Nebenrolle. Europas Politik der vollständigen Abkehr von russischen Energieträgern wird oft als moralische Entschlossenheit oder strategische Notwendigkeit propagiert:
In Wirklichkeit stellt jene Abkehr eine Voraussetzung für die Ausrichtung auf Krieg dar!
Ein Kontinent, der sich auf eine dauerhafte Konfrontation mit Russland vorbereitet, kann nicht strukturell von russischen Kohlenwasserstoffen abhängig bleiben, ohne seine eigene Haltung inkohärent erscheinen zu lassen.
In diesem Sinne ist der Verlust billiger russischer Energieträger keine Fehleinschätzung. Er zwingt Europa vielmehr dazu, die Kosten der Konfrontation im Voraus zu internalisieren. Höhere Energiepreise hingegen beschleunigen zwar die Deindustrialisierung, rechtfertigen aber eine Lockerung der Haushaltspolitik und normalisieren dauerhafte Notstands-Aufwendungen:
Wirtschaftliche Einbußen sind kein Kollateralschäden, sondern entsprechen vielmehr einem Disziplinierungs-Mechanismus!
Nirgendwo wird dies deutlicher als in Deutschland. Der industrielle Niedergang Berlins wird in Konsequenz typischerweise als politischer Fehler dargestellt: Als gut gemeinte, aber fehlgeleitete Umweltpolitik, gepaart mit vermeintlicher Unfähigkeit, um wichtige Infrastruktur zu erhalten:
In Wirklichkeit handelt es sich um eine gesteuerte Neuausrichtung. Deutschlands Modell der Exportüberschüsse – ermöglicht durch billige russische Energie und fiskalische Rigidität – wäre mit einem dauerhaft militarisierten Europa unvereinbar. Die Abkehr [vom bisherigen Modell] fällt mit der Aufgabe der Schuldenbremse und der Akzeptanz für gemeinsame Schulden der EU zusammen. Deutschland verwandelt sich von einer industriellen Hegemonialmacht zu einem Anker bilanzieller Natur.
Die Realitäten von Lieferketten können dazu herhalten, einen scheinbar widersprüchlichen Trend zu erklären:
Die jüngste Besucherflut von NATO-Spitzenpolitikern nach China!
Dieses Verhalten wird vielfach als Absicherung oder diplomatische Ambivalenz verstanden. Tatsächlich macht das jedoch einer nüchterneren Erklärung Platz: Europas Remilitarisierungsbemühungen sind nach wie vor stark von chinesisch kontrollierten Vorleistungen abhängig[4] – von Seltenen Erden und Permanentmagneten bis hin zu Spezialmetallen, die in Leitsystemen, Sensoren und Antrieben zum Einsatz kommen. Wie Analysen von z.B. MERICS[5] aufzeigen, sind Pekings Exportkontrollen inzwischen der europäischen Rüstungsproduktion direkt vorgelagert.
Das Engagement gegenüber China stellt daher keine strategische Abkehr von Washington, sondern eine Form der Schadensbegrenzung dar: Es ist der Versuch, Stabilität für Lizenzvergaben und Zugang zu Komponenten zu sichern, während Europa eilig dabei ist seine Kapazitäten, über die es noch nicht verfügt, doch von Washington eingefordert werden, aufzubauen. In diesem Sinne ist Europas China-Diplomatie keine Alternative zur Annäherung an die USA, vielmehr jedoch ein Symptom dafür, wie unvollständig und fragil das (europäische) Mobilisierungsprojekt nach wie vor geblieben ist.
Das bedeutet keine europäische Emanzipation, sondern vielmehr eine tiefere Integration in ein von den USA geführtes finanz-militärisches System. Deutschlands Rolle besteht darin, die Stabilität auf dem Kontinent zu gewährleisten, sodass Europa im Alltag autonom funktioniert und sich die Macht der USA auf den asiatisch-pazifischen Raum verlagern kann, ohne dass der europäische Schauplatz auf Grund der U.S.-Abwesenheit zusammenbrechen würde.
Frankreich spielt eine andere Rolle. Paris sorgt für politische, strategische und militärische Glaubwürdigkeit – einschließlich nukleare Signale. Osteuropa wird zur industriellen Werkstatt und vorgelagerten Logistikzone umgebaut, in der lizenzierte Waffenproduktionen und NATO-Infrastruktur angesiedelt werden. Südeuropa fungiert als Nachfrageherd und fiskalische Transmissionszone. Europa konvergiert nicht, sondern wird vielmehr differenziert!
Deshalb gleicht das Narrativ „strategischer Autonomie [Europas]“ politischem Theater, denn Autonomie bedeutet in diesem Fall nicht Souveränität. Autonomie bedeutet hier nur operative Selbstverwaltung innerhalb extern definierter Grenzen. Europa wird so strukturiert, dass es Krisen bewältigen, die Militarisierung finanzieren und Instabilitäten auffangen kann – während Gewinne aus Waffenverkäufen, Emissionen von auf Dollar denominierten Anleihen und aus dem letztendlich unvermeidbaren Wiederaufbau nach oben abfließen.
Die Ablehnung einer europäischen Armee durch Mark Rutte und Frankreichs vermeintliches Beharren auf einer solchen, stellen keine gegensätzlichen Visionen dar. Sie entsprechen vielmehr zwei Ausdrucksformen, die derselben imperialen Neuordnung entsprechen. Der Streit dreht sich nicht darum, ob Europa mehr tun sollte, sondern darum, wie stark sichtbar die Regelung der Unterordnung zu sein hätte und wer diese verwalten darf.
Was sich abzeichnet, ist weder ein souveränes Europa, das sich gegenüber Washington behauptet, noch ein Vasallen-Europa, das ihm unterwürfig gehorcht. Es ist ein imperial funktionales Europa: militarisiert, finanzialisiert, energieseitig abgekoppelt und intern differenziert – fähig, sich operativ selbst zu versorgen, während es in strategischer Abhängigkeit bleibt.
Die Debatte um eine europäische Armee ist real. Aber es geht dabei nicht um Europas Freiheit. Es geht vielmehr darum, wie effizient die Kosten der Konfrontation externalisiert werden können und …
… wie diese Transformationen [nach außen] als Unabhängigkeit verkauft werden können!
Die Ukraine stellt für eine solche Konstellation den Prototyp dar: Ein permanent bewaffneter, extern finanzierter, vorgelagerter Staat – der Zerstörungen absorbiert und gleichzeitig Kapital durch Aufrüstung und Wiederaufbau nach oben recyceln lässt. Es stellt keine Abweichung von jenem Modell dar, welches Europa derzeit aufgezwungen wird. Es ist nur dessen logisches Extrem. Der Zeithorizont von zwei bis drei Jahren ist nicht eine Fantasie in Bezug auf Russlands paneuropäische Ambitionen, sondern der Fahrplan, …
… um den Ukraine-Krieg mit europäischen Armeen und Waffen neu aufflammen zu lassen!
Europa wird neu organisiert, um es nachhaltig aufzustellen: finanziell, politisch und in Bezug auf Energie, um sicherzustellen, dass gekämpft werden kann, ohne den imperialen Kern zu destabilisieren.
Das ist es, worüber sich die Debatte um die europäische Armee wirklich dreht. Es geht nicht um Souveränität, sondern um den Erhalt des Systems. Es geht nicht um Verteidigung, sondern um Aufgabenübertragungen. Es geht nicht um Frieden, sondern um die Bereitschaft für einen Konflikt, dessen Kosten bereits stillschweigend zugeteilt wurden!
[1] https://media.defense.gov/2026/Jan/23/2003864773/-1/-1/0/2026-NATIONAL-DEFENSE-STRATEGY.PDF
[2] https://www.bea.gov/news/2026/direct-investment-country-and-industry-2025
[3] https://usafacts.org/articles/why-are-us-companies-investing-more-abroad/
[4] https://commission.europa.eu/topics/competitiveness/green-deal-industrial-plan/european-critical-raw-materials-act_en
[5] https://merics.org/en/comment/chinas-export-controls-hit-eu-rearmament-open-strategic-window
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Übersetzung: UNSER-MITTELEUROPA
Die Artikel von Ryan Perkins sind Teil einer fortlaufenden Serie, die sich mit der Deindustrialisierung Deutschlands und der Umstrukturierung Europas im Rahmen des US-Imperiums befasst.
Zum Autor: Ryan Perkins ist Senior Analyst und als Editor für den Global Economic Indicator tätig. Er lebt in Peking. Seine Analysen wurden in internationalen Medien wie dem „The Atlantic Magazine“ veröffentlicht und sowohl von Unternehmen wie auch Thinktanks in Anspruch genommen. Sein Substack-Blog erreichte Platz 49 in der Kategorie „Weltnachrichten und Politik“.

- Der Artikel von Ryan Perkins (2.2.2026) “Der imperiale Franchise: Die Ukrainisierung Europas” im englischen Original: HIER
- Der UM-Artikel von Ryan Perkins (16.12.2025) „Das Polit-Theater von Friedrich Merz“: HIER
- Der UM-Artikel (29.10.2025) von Ryan Perkins “Deutschlands Deindustrialisierung ist ein Coup des Kapitals! “: HIER
- Der UM-Artikel von Ryan Perkins (10.11.2025) “Finale im Putsch des Kapitals: Europa zerlegt zwischen USA & China! “: HIER
- Der UM Artikel zum “Dunklen Deal” (17.1.2025) – wie und wann die geplante, systematische Vermögensverlagerung in die USA ihren Anfang nahm: HIER
- Der UM-Artikel von Ryan Perkins (20.11.2025) “Die Vasallisierung Europas & Pax Americana im Zwielicht der Dämmerung“: HIER










