Im vierten Teil der Serie zeigt Ryan Perkins auf, wie das Goldene Zeitalter unter der Last seiner eigenen Exzesse zusammenbrach: Zugleich wird man zum Zeugen der kühnen Neuerfindung des Systems, um auch auf die Architekten dieses Nachspiels zu treffen.
Der Artikel von Ryan Perkins über das Ende des goldenen Zeitalters und die grenzenlosen System-Extravaganzen – Teil 4a
Eine kurze Rückblende zur Einleitung:
Von der primitiven [Kapital-]Akkumulation zur Pax Americana
Teil Eins der Serie hat den Endzustand der Gegenwart aufgezeigt. Man erfährt, wonach das derzeitige finanzialisierte System des globalen Kapitals keinen rationalen Ressourcenverteiler, sondern ein Pyramidensystem im geografischen Maßstab darstellt.
Das „exorbitante Privileg“ des Status als Reservewährung lebt von der realen Arbeit und den Ressourcen der [kolonialen] Peripherie. Dieses Privileg ist kein Geschenk; vielmehr gleicht es einer Erpressung. Sobald finanzielle Waffen dieses Monopol nicht mehr durchsetzen können, folgen kinetische [militärische Mittel].
Das Erreichen der letzten geographischen Grenzen im Jahr 1989 verwehrte dem System die Fähigkeit, die Krisen weiter nach außen exportieren zu können. Das „Ende der Geschichte“ zeigte im Wesentlichen das Ende [der geographischen letzten Grenzen] der Welt. Da dem System neue Räume zur Eroberung damit ausgegangen waren, wandte sich das Kapital nach innen und verzehrte seine eigene Zukunft durch Finanzialisierung – sprich durch vorübergehende Notlösungen:
Die Kriege von 2026 stellen keine Ausrutscher dar!
Sie sind der gewaltsame Untergang eines Systems, das seine Widersprüche nicht mehr länger aufzuschieben vermochte.
Teil Zwei zeichnete den fünfhundertjährigen Marsch, der in diese Sackgasse geführt hatte, nach. Der Schöpfungsmythos des Kapitalismus – die Geschichte vom freien Austausch zum gegenseitigen Nutzen – wird als Schleier über der eigentlichen Überakkumulation entlarvt, wie durch:
- gewaltsame Einhegung der Allmende,
- Völkermord an indigenen Völkern,
- Versklavung von Millionen, um die industrielle Revolution voranzutreiben.
Fünf Jahrhunderte lang verkraftete das System seine inneren Widersprüche – die sinkenden Profitraten samt den Krisen der Überakkumulation – indem es räumlich ausgreifende Auswege ergriff: Nach neuen Kontinenten, nach neuen Arbeitskräftereservoirs sowie nach neuen Märkten.
Doch auch die Weltkarte hat ihre Grenzen, sodass sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die imperialistischen Mächte die Welt untereinander aufgeteilt hatten. Nunmehr gefangen in einem geschlossenen System …
… richtete sich die interimperialistische Rivalität in zwei Weltkriegen gegeneinander!
Die Gewalt, die das System aufgebaut hatte, richtete sich somit nach innen und verschlang die alten Imperien in einer Katastrophe, welche die Bilanzen sanierte, die Konten mit Leichen beglich und die Tür für eine neue Hegemonialmacht aufstieß.
Teil Drei zeigte die Architektur des goldenen Zeitalters, die „Pax Americana!“
Sie brachte weder Frieden noch Wohlstand: Es war ein Franchise, sprich ein globales Erpressungsgeschäft, wodurch sich die alten imperialen Mächte Europas und Japans einen Schnitt am Goldenen Zeitalter icherten und die Wertschöpfungskette hinaufkletterten. Es zeigte sich, dass es sich um einen vergoldeten Käfig handelte, der auf erzwungenen Abhängigkeiten beruhte und in dem der Wohlstand des Westens den Lohn für bedingungslose Loyalität darstellt. Es wurde deutlich, wie sich diese neue Ordnung und Gewalt des Kolonialismus über das Kleingedruckte in den Weltbank-Kreditverträgen, durch Auflagen in IWF-Rettungspaketen sowie über die Ladeschächte von B-52-Bombern zum Ausdruck kam. Es wurde dargestellt, wie die Peripherie, als Geisel ihrer eigenen Dollarreserven in Schuldknechtschaft gestürzt wurde und das Lösegeld mit Blut, Schweiß, Tränen und kostengünstigen, in Dollar denominierten Exporten, zu erwirtschaften hat.
Teil 4a: Das mechanische Versagen
Nachdem die Architekten von Bretton Woods und Verfasser des U.S.-National Security Act von 1947 die institutionellen Grundlagen des Goldenen Zeitalters geschaffen hatten, rechnete niemand damit, dass es innerhalb einer einzigen Generation wieder zusammenbrechen könne. Niemand ahnte, wie schnell die Kosten der permanenten Kriegswirtschaft außer Kontrolle geraten konnten. Die Technokraten, die das „Amerikanische Jahrhundert“ eingeläutet hatten, verorteten die Architektur der Nachkriegsordnung innerhalb eines Rahmens rationaler Annahmen. Sie gingen davon aus, dass:
- die USA, gestützt durch eine glaubwürdige nukleare Abschreckung, einen schlanken Garnisons-Staat werde aufrechterhalten können.
- sich der militärisch-industrielle Komplex in eine disziplinierte, rationale Form seines Vorgängers aus dem Zweiten Weltkrieg weiterentwickeln würde.
- die Militärausgaben überschaubare, vorhersehbare Kosten bleiben würden.
Doch sie lagen damit katastrophal falsch!
Nach der Detonation einer Atombombe auch durch die Sowjetunion im Jahr 1949 ging die Pattsituation der Supermächte im Kalten Krieg in die Ära gegenseitiger garantierter Zerstörung über. Zugleich ging man von der Annahme aus, dass sich künftige Konflikte zwischen den Großmächten auf Stellvertreterkriege, Aufstandsbekämpfung und Polizeieinsätze beschränken würden. Allerdings war die Gewalt für die Opfer dieser vermeintlich „begrenzten“ Kriege – für Koreaner, Vietnamesen, Laoten – eine totale. Das US-Finanzministerium hegte jedoch die Erwartung, dass die Kosten begrenzt, überschaubar, vorhersehbar und politisch langfristig tragbar bleiben würden.
Der militärisch-industrielle Komplex [MIC] verfolgte jedoch andere Pläne. Nach Festigung seines institutionellen und politischen Einflusses in den 1950er Jahren, war der MIC inzwischen zum tief verwurzelten und festen Bestandteil der politischen Landschaft in den USA verschmolzen und konnte sich nicht mehr an rationale Erwartungen halten. Der militärisch-industrielle Komplex forderte – selbst für begrenzte Konflikte – unbegrenzte Extravaganzen. So konnten sogar kleine Kriege gegen kleine Ländern rasch zum Vorwand für Beschaffungsorgien ausarten:
Permanente Kommunismus-Bedrohung wurde zur notorischen Rechtfertigung für permanente Budgetüberschreitungen!
Der ursprüngliche Treiber für Ausgaben waren militärische Verpflichtungen, welche die USA zum Ende des Zweiten Weltkriegs übernommen hatten. Ab 1945 gingen die USA umfangreiche militärische Verpflichtungen in Europa und Japan ein. Die Kosten für die Garnisonen in Übersee waren beträchtlich und die Beschaffungsketten durchzogen lokale Volkswirtschaften. Trotz einer Kosten-Eskalation dieses globalen militärischen Engagements mit Beginn des Koreakriegs, gelang es den USA den Anschein von Haushaltsdisziplin aufrechtzuerhalten. Schließlich handelte es sich um einen konventionellen Landkrieg, der mit relativ kostengünstigem Material geführt werden sollte.
Doch mit dem Ende des Koreakriegs entstand eine neue Art an Militärausgaben. Die Vereinigten Staaten begannen ihre Verbündeten-Regime wie die in Korea und Philippinen direkt für die Stationierung von US-Streitkräften zu bezahlen und leiteten damit eine Ära massiver Devisenexporte ein.
Diese neue Form an Militärausgaben wurde rasch institutionalisiert und wuchsen exponentiell an, während sich das Engagement der USA in Südostasien vertiefte. Washingtons Engagement in Südostasien hat mit der U.S.-Entscheidung Frankreich im Indochina-Krieg (1945–54) unterstützen zu wollen, seinen Anfang genommen und fußte…
… in dem Bestreben Frankreichs, die Kontrolle über seine Kolonialgebiete in Asien wiederherstellen zu lassen!
Anstatt den Zusammenbruch alter imperialen Macht einfach geschehen zu lassen, finanzierte das U.S.-Finanzministerium Frankreichs verzweifelten Versuch, an seinem asiatischen Imperium festzuhalten und übernahm schließlich 80 Prozent der gesamten Kriegskosten Frankreichs. [1] Dies war Washingtons erstes groß angelegtes Experiment, Verbündete bei der Führung von Stellvertreterkriegen zu unterstützen und markierte eine entscheidende Wende nach Art und Umfang der US-Militärausgaben. Der Zusammenbruch des französischen Militärs schließlich im Dschungel Vietnams, bei Dien Bien Phu, liess jedoch den Geldstrom vom US-Finanzministerium zum militärisch-industriellen Komplex (MIC) nicht versiegen. Stattdessen wurde dieser umgeleitet, um eine geheime, von den USA geführte Kampagne zur Aufstandsbekämpfung durch CIA und Militär finanzieren zu lassen.
Fortsetzung mit Teil 4b folgt
Übersetzung: UNSER-MITTELEUROPA
Quellenangabe:
[1] Lloyd C. Gardner, Approaching Vietnam: From World War II through Dienbienphu (1988), p. 219.
Zum Autor: Ryan Perkins ist Senior Analyst und als Editor für den Global Economic Indicator tätig. Er lebt in Peking. Seine Analysen wurden in internationalen Medien wie dem „The Atlantic Magazine“ veröffentlicht und sowohl von Unternehmen wie auch Thinktanks in Anspruch genommen. Sein Substack-Blog erreichte Platz 49 in der Kategorie „Weltnachrichten und Politik“.
Diese neue Serie von Ryan Perkins wird die Anatomie des System-Zusammenbruchs nachzeichnen – von der Verschmelzung des nationalen Kapitals zu transnationalem Kapital und der Entstehung der globalen Finanzhegemonie über die Schaffung des Schuldenstaates und den Aufstieg des fiktiven Kapitals bis hin zur letzten Jagd nach Sicherheiten, um das Gebilde zu stützen. Eine Jagd, die nun droht, uns alle zu verschlingen.
- Der UM-Artikel von Ryan Perkins (30.7.2026) „Die zweite Front des globalen Finanzimperiums“ – Teil 1a erschien: HIER
- Der UM-Artikel von Ryan Perkins (30.7.2026) „Die zweite Front des globalen Finanzimperiums“ – Teil 1b erschien: HIER
- Der UM-Artikel von Ryan Perkins (3.8.2026) „Der Mythos des Kapitals“ – Teil 2a erschien: HIER
- Der UM-Artikel von Ryan Perkins (3.8.2026) „Der Mythos des Kapitals“ – Teil 2b erschien: HIER
- Der UM-Artikel von Ryan Perkins (3.8.2026) „Die sich selbst verzehrende Maschine“ – Teil 2c erschien: HIER
- Der UM-Artikel von Ryan Perkins (18.8.2026) „Das Goldene Zeitalter – die Architektur der Hegemonie“ – Teil 3a erschien: HIER
- Der UM-Artikel von Ryan Perkins (18.8.2026) „Das Goldene Zeitalter – Der untergeordnete Kern“ – Teil 3b erschien: HIER
- Der UM-Artikel von Ryan Perkins (18.8.2026) „Das Goldene Zeitalter – Vom „totalen Krieg“ zum „totalen Kapital“ – Teil 3c erschien: HIER
Der Artikel von Ryan Perkins (18.8.2026) “The Inevitability of Collapse in the Age of Financialization – The Golden Age” – Teil 3 im englischen Original erschien: HIER










